Kritik des naiven Konsequentialismus

Der Konsequentialismus bewertet Handlungen aufgrund ihrer Konsequenzen. Konsequentialistische Ansichten zur Ethik gelten als “radikal” und einige Philosophen/innen sind gar der Meinung, dass der Konsequentialismus unhaltbare und gefährliche Implikationen hat. In diesem Artikel soll aufgezeigt werden, dass die praktischen Implikationen der konsequentialistischen Denkweise der “regel-basierten” Deontologie und der Tugendethik (“charakter-basierte Ethik”) in vielerlei Hinsicht ähneln. Weil diese Ähnlichkeiten jedoch erst bei einer sehr gründlichen Auseinandersetzung mit dem Konsequentialismus zum Vorschein kommen, ist es nachvollziehbar, dass der Konsequentialismus auf naive Art und Weise interpretiert einen schlechten Ruf hat. Die Kritik der naiven Interpretation richtet sich hier sowohl an die Kritiker des Konsequentialismus, wie auch an einen Großteil der Befürworter davon. In den folgenden Abschnitten wird erklärt, weshalb die naive Interpretation des konsequentialistischen Denkens, die zurecht von vielen Philosophen/innen kritisiert wird, fehlerhaft und gefährlich ist.

(Zwischenbemerkung: Mit “Konsequentialist/in” sind im Folgenden Personen gemeint, denen es im Leben primär darum geht, die Welt für andere möglichst zu einem besseren Ort zu machen. Es sollte jedoch erwähnt sein, dass die folgenden Punkte gleichermaßen auch auf einen breiteren Konsequentialismusbegriff zutreffen, der alle Akteure beinhaltet, die möglichst rational ein bestimmtes Ziel erreichen möchten, ohne dabei intrinsisch auf die kategorische Befolgung von “Regeln, Versprechen, etc.” zu achten. Als solches handelt es sich bei den hier vorgebrachten Punkten um generelle Implikationen einer rationalen Entscheidungstheorie.)1)Siehe beispielsweise Kapitel 11f in diesem englischen FAQ zur Entscheidungstheorie und dieses Paper zu neuartigen Ansätzen.

Es folgen nun zwei Beispiele, in denen die naiv-konsequentialistische Art der Entscheidungsfindung zu einem offensichtlich schlechteren Endzustand führt als die beste vorhandene Alternative.

Beispiel 1: Versprechen halten

(Das folgende Beispiel ist adaptiert von Derek Parfit)

Ein Konsequentialist steckt mit einem kaputten Auto in der Wüste fest und ist am Verdursten. Glücklicherweise kommt ein Autofahrer vorbei, der dem Konsequentialisten offeriert, ihn zurück ins Hotel zu fahren. Der Autofahrer hat aber kein Interesse daran, umsonst zu helfen – er möchte 100 Euro für seinen Dienst. Weil der Konsequentialist aber kein Geld bei sich hat, bittet der Autofahrer um das Versprechen, ihm die 100 Euro zu geben, nachdem er den Konsequentialisten zurück ins Hotel gefahren hat. Der Konsequentialist weiß, dass er, sobald er wieder zurück im Hotel ist, keinen Grund mehr haben wird, dem Autofahrer das Geld zu geben. Der Dienst wird schon getan sein, und 100 Euro bringen mehr, wenn man sie spendet, als wenn man sie im Nachhinein noch dem Autofahrer übergibt! Der Konsequentialist möchte Kooperation vortäuschen und auf den Deal einwilligen, aber dummerweise ist er ein sehr schlechter Lügner. Weil er selbst nicht glaubt, was er verspricht, wirken seine Beteuerungen auf den Autofahrer, der ein sehr guter Menschenkenner ist, unglaubwürdig. Zu diesem Zeitpunkt entdeckt der Autofahrer am kaputten Auto des Konsequentialisten den Aufkleber “Konsequentialismus ist die Ansicht, dass die richtige Handlung die Welt besser macht”, woraufhin der Autofahrer ausruft: “Aha! Du bist also Konsequentialist? Dachte ich es doch, du wirst dein Versprechen also garantiert nicht halten, wenn du erst einmal zurück in der Stadt bist. Tut mir Leid, aber wenn ich nichts dafür bekomme, mache ich mich als rationaler Egoist lieber alleine aus dem Staub. Viel Glück!”

Interessant an diesem Beispiel ist, dass der (naive) Konsequentialismus dem Konsequentialisten zum Verhängnis wurde. Daran scheint etwas falsch zu sein: Wenn es das Ziel sein soll, so zu handeln, dass die Welt zu einem möglichst guten Ort wird, dann sollte man es wenn möglich vermeiden, in der Wüste verdursten zu müssen, v.a. wenn man dies leicht mit einer zukünftigen Zahlung von 100 Euro richten kann. Es lohnt sich nicht, zu verdursten, nur weil man denkt, dass es irgendwie “irrational” wäre, zu einem späteren Zeitpunkt ein Versprechen einzulösen. Was heißt “irrational” hier genau? – Bei der Rationalität geht es ums Gewinnen, darum, die eigenen Ziele zu erreichen. Offensichtich “gewinnt” der Konsequentialist hier nur, wenn er sich wirklich zur Einhaltung eines Versprechens überzeugen kann, d.h. wenn er etwas wie einen irreversiblen “Schalter” in seinem Gehirn umlegen kann, der ihn zwingt, ein Versprechen selbst zu einem Zeitpunkt einzuhalten, wo dies aus naiv-konsequentialistischer Sichtweise nicht mehr nötig wäre. Dann nämlich kann er als schlechter Lügner bequem die Wahrheit sagen. Das Problem ist jedoch, dass der Konsequentialist in seiner naiv-konsequentialistischen Denkweise immer nach einer Möglichkeit suchen wird, den “Schalter” nur vorzutäuschen. Und weil den anderen rationalen Akteuren dies klar ist, werden sie sich hüten, jemals mit naiven Konsequentialisten zu kooperieren.

Der Konsequentialist verliert hier zusätzlich, weil der Autofahrer offenbar denkt, dass Konsequentialisten/innen allgemein keine Versprechen halten können, wann immer dies nicht ihrer (naiven) Nutzenmaximierung entspricht. Das ist extrem schlecht! Wenn es zutrifft, dass Konsequentialisten/innen allgemein verlieren, wenn sie Versprechen nicht einhalten können, warum sollten dann nicht alle Konsequentialisten/innen, aus dem Wunsch heraus, möglichst gute Weltzustände anzustreben, ihre Intuitionen und ihren Entscheidungsprozess so modifizieren, dass sie Versprechen immer einhalten werden? Schließlich geht es – im Konsequentialismus ironischerweise mehr noch als überall sonst – ums “Gewinnen”, und nicht darum, irgendwelche Regeln der “richtigen” Handlungsweise zu befolgen. Die Regel “Halte Versprechen bloß, wenn dies auch der Nutzenmaximierung entspricht” ist eine sehr schlechte Regel, mit der die Welt insgesamt eher verlieren als gewinnen wird.

Beispiel 2: Abstimmen gehen

Angenommen, es gibt neben den apolitischen Bürgern/innen, die niemals wählen gehen, zwei Arten von Wählern/innen, pflichtbewusste Wähler/innen und konsequentialistische Wähler/innen. Die ersteren nehmen an jeder Wahl teil, während die letzteren nur dann abstimmen, wenn es sich im Erwartungswert für sie lohnt, d.h. wenn die (sehr geringe) Wahrscheinlichkeit, dass ihre eigene Stimme einen Unterschied macht, multipliziert mit dem, was bei der Abstimmung auf dem Spiel steht, eine genügend hohe positive Wirkung hat. (Die Wirkung müsste höher sein als das, was die konsequentialistischen Wähler/innen mit ihrer Zeit stattdessen tun könnten.) Wenn Umfragen ergeben, dass etwa 65% der Bevölkerung A wählen werden, und die meisten konsequentialistischen Wähler/innen jedoch B wählen würden, kann es somit sein, dass die konsequentialistischen Wähler/innen nicht zur Urne gehen, weil jede/r davon ausgeht, dass die eigene Stimme gegen den hohen Anteil der pflichtbewussten Wähler/innen (von denen die Mehrheit leider A bevorzugt) bloß eine verschwindend kleine Wahrscheinlichkeit hat, die Wahl umzudrehen.

Die interessante Frage hier ist folgende: Handeln die konsequentialistischen Wähler/innen rational, wenn sie nicht abstimmen gehen? Dient ihre Entscheidung der Erreichung ihrer Ziele?

Nicht unbedingt! Die naiv-konsequentialistische Berechnung zur erwarteten Wirkung des Wahlzettel-Ausfüllens führt unter Umständen zu einem falschen Ergebnis, bei dem unterschätzt wird, wie viel Stimmenprozente die konsequentialistischen Wähler/innen gemeinsam holen könnten, wenn sie mehrheitlich die gleiche Strategie verfolgen. Nehmen wir beispielsweise an, dass die konsequentialistischen Wähler/innen einen sehr großen Teil der Gesamtbevölkerung ausmachen. In einem solchen Fall wäre ein positives Abstimmungsresultat praktisch garantiert, wenn alle konsequentialistischen Wähler/innen sich wie pflichtbewusste Wähler/innen verhalten würden. Und wenn dem so ist, dann ist es wahrscheinlich locker die Zeit aller konsequentialistischen Wähler/innen wert (weil politische Entscheide häufig sehr große Bereiche abdecken und somit eine sehr große Wirkung auf die Welt haben). Es scheint also, dass es manchmal die konsequentialistisch falsche Herangehensweise ist, nach dem erwarteten Nutzen der eigenen Handlung zu fragen. Dann nämlich, wenn wir davon ausgehen können, dass andere Personen die genau gleiche Überlegung aus den genau gleichen Gründen machen (und folglich zum gleichen Ergebnis kommen sollten!), und eine “kollektiv gefällte Entscheidung” sich von der individuellen Entscheidung unterscheiden würde.2)Die präzise Formulierung “dass andere Personen die genau gleiche Überlegung aus den genau gleichen Gründen machen” ist wichtig – es ist der Grund, weshalb sich diese konsequentialistische Überlegung vom kantianischen Slogan “Stell dir vor, es handelten alle so!” unterscheidet. Anders als beim kantianischen Slogan sollte man wirklich davon ausgehen, dass die Entscheidung der anderen Beteiligten mit der eigenen Entscheidung korreliert. (Der kantianische Grundsatz würde in einer Welt aufs Gleiche herauskommen, in der alle Menschen intelligent, willensstark, und reflektiert genug wären, um ihre Entscheidungen stets rational-konsequentialistisch auszurichten. Man entscheidet zwar direkt nur für sich selbst, ohne dabei etwa mit anderen Konsequentialisten/innen zu kommunizieren, aber weil man davon ausgeht, dass die anderen sich die gleichen Punkte überlegen und als rationale Personen mit den gleichen Zielen zum gleichen Schluss kommen sollten, entscheidet man am besten so, als ob man eine Strategie für die ganze Gruppe der betroffenen Konsequentialisten/innen entwerfen müsste.

Was ist die “nicht-naive” Art, den Erwartungsnutzen zu maximieren?

Die obigen Situationen haben gemeinsam, dass das konsequentialistische Grundprinzip “Handle so, dass der Erwartungsnutzen maximiert wird” zu versagen scheint. Das Problem liegt dabei an einer zu engen Definition des Begriffs “Handeln”, in der nur die direkten Folgen meines Tuns betrachtet werden, nicht aber die logische Korrelation meines Entscheidungsprozesses mit den Entscheidungsprozessen anderer rationaler Akteure, oder die Tatsache, dass andere rationale Akteure meine Entscheidungen antizipieren können und sich weigern werden, mit mir zu kooperieren, wenn ich nicht die Art von Person bin, die Versprechen kategorisch einhält.

Eine “nicht-naive” Interpretation des Begriffs “Handlung” sollte so breit und umfassend wie nur möglich sein. Sie soll alles beinhalten, was wir in unserem Repertoire haben. Gewissermaßen macht es schon eine “Handlung” aus, wenn man sich im Beispiel 2 entscheidet, die Frage “individuell-konsequentialistisch” oder “kollektiv-konsequentialistisch” anzuschauen. Und es ist eine Art von “Handlung”, sich zu überlegen, ob man die Art von Person werden möchte, die Versprechen kategorisch einhält oder nicht. Wenn man “Handle so, dass der erwartete Nutzen maximiert wird” breit genug auffasst, dann beinhaltet dies u.a., dass man versuchen sollte, die Art von Person zu sein, die wahrhaftig vertrauenswürdig ist. Es zählt nicht nur, was man in der Welt anpackt oder bewegt, sondern auch, wie man denkt und entscheidet, und welche Art von sozialen Intuitionen, Heuristiken und Emotionen man in sich fördert. Daraus ergibt sich eine Art von globalem Konsequentialismus, in dem es darum geht, das “Gesamtpaket” eines moralischen Akteurs (und nicht nur physisch greifbare Handlungen) auf möglichst vorteilhafte Folgen hin zu optimieren. Dies beinhaltet zusätzlich, dass man sich überlegt, welche Entscheidungsregeln und persönlichen Intuitionen und Charakterzüge aus einer konsequentialistischen Perspektive am erfolgreichsten sind.3)Ansätze wie der “Regel-Utilitarismus” beinhalten einige dieser Prinzipien, aber sie sind häufig zu unpräzise formuliert und begründet. Idealerweise lassen sich die richtigen “Regeln”, bzw. die geeignetsten Entscheidungsprozesse, Prinzipien, Intuitionen, Charaktereigenschaften etc., entscheidungstheoretisch aus der komplexen, nicht-naiven Interpretation des Konsequentialismus ableiten.

Vollkommenes Vertrauen bei Versprechen funktioniert in gewissen Fällen (z.B. wenn das Gegenüber einen perfekten Lügendetektor hat) wirklich nur, wenn man überzeugend darlegen kann, dass man Versprechen immer einhält. Man muss dafür “Versprechen einhalten” als kategorische Regel nehmen, man muss “Versprechen einhalten” zu einem Teil des moralischen Selbstbildes machen. In dieser Hinsicht ist der Konsequentialismus – richtig interpretiert – der Deontologie oder der Tugendethik sehr ähnlich.

Gesetze und Anstandsnormen

Die obigen Überlegungen treffen natürlich auch auf die Frage zu, ob Gesetze oder soziale Normen intrinsisch zu beachten sind. Wie im Beispiel 2 unterschätzt man die Kosten für eine Gesellschaft, wenn alle Konsequentialisten/innen sich plötzlich entscheiden würden, immer dann Regeln zu brechen, wenn sie denken, dass dadurch der erwartete Nutzen maximiert wird. Wegen einer einzigen Person, die zusätzlich kriminell wird, oder ihren Abfall nicht aufräumt, oder anderen gegenüber häufig unfreundlich ist, oder niemals Trinkgeld gibt, wird sich kaum etwas so stark ändern, dass die Gesamtkosten für eine Gesellschaft signifikant werden. Wenn aber alle (oder nur die meisten) Menschen, die als Konsequentialisten/innen die Welt möglichst effektiv verbessern möchten, sich aus eben diesen Gründen fürs regelmäßige Regel-Brechen entscheiden, dann könnte daraus ein unkoordiniertes Chaos resultieren, das bedeutend schlechter ist als die Summe der Vorteile, durch diese die jeweiligen Regelverletzungen im Einzelfall begründet wurden. Dies gilt umso stärker, je höher der Prozentsatz an Konsequentialisten/innen in einer Gesellschaft ist. Nicht zuletzt ist auch zu beachten, dass sich Konsequentialisten/innen, deren normative oder empirische Ziele sich unterscheiden, auch selbst in die Quere kommen werden und gegenseitig sabotieren würden, wenn sie nicht die für alle beste Heuristik von Kooperation und Respekt verinnerlichen. Auch hier gilt: Für den Konsequentialismus ist die naive Interpretation äußerst kontraproduktiv und gefährlich, weil sie alles zerstören könnte, was Konsequentialisten/innen an Gutem in der Welt leisten.

Zusätzlich gilt wie im Beispiel 1, dass der Ruf von Konsequentialisten/innen allgemein stark darunter leiden wird, wenn Konsequentialisten/innen Gesetze oder soziale Anstandsnormen überdurchschnittlich häufig brechen. Diese Überlegung gilt besonders dann, wenn es erst wenige Konsequentialisten/innen in einer Gesellschaft gibt, und es somit umso wichtiger für das Wachstum der Bewegung ist, dass die einzelnen Vertreter/innen einen (besonders!) guten Eindruck hinterlassen.

Zuletzt sollten wir anerkennen, dass Menschen anfällig dafür sind, die eigene Urteilsfähigkeit zu überschätzen. Insbesondere dann, wenn man einen eigenen Vorteil daraus ziehen kann. (Konsequentialisten/innen haben zwar altruistische Ziele, aber sie sind keineswegs “selbstlos” im Sinn, dass sie nicht manchmal geneigt sind, persönliche Vorteile zu suchen.) Wenn alle Konsequentialisten/innen immer dann Regeln brechen würden und etwa auch schlimme Verbrechen begehen würden, wenn sich dies aus ihrer Perspektive her für die Nutzenmaximierung lohnt, dann käme es häufig zu falschen Entscheidungen und zu willkürlichem Missbrauch, weil wir Menschen bei weitem nicht so objektiv und unparteilich urteilen können, wie wir es gerne denken. Um einen Dammbruch zu vermeiden, muss das Kriterium für die “Zulässigkeit” (aus konsequentialistischer Perspektive) eines Verbrechens viel höher gewählt werden als “Ich bin mit bestem Wissen und Gewissen der Meinung, dass ich dadurch die Gesamtheit an verletzten Interessen reduzieren kann”. Und ein kategorisches Verbot scheint das einzige zu sein, was gegen die Rationalisierungsstärke des menschlichen Denkapparats ankommen kann.

Moralische Überforderung

Viele Leute denken, dass Konsequentialisten/innen in praktisch jeder Situation versuchen sollten, bewusst das Prinzip der Nutzenmaximierung anzuwenden. Das ist falsch: Das Grundprinzip des Konsequentialismus besagt nicht “Überlege dir stets, was den Erwartungsnutzen maximiert, und setze es dann um”. Nein, es besagt nur, dass man tun sollte, was insgesamt den Erwartungsnutzen maximiert. Und manchmal (häufig) ist es am besten, sich extra nicht explizite Gedanken zum Nutzenmaximierungsprinzip zu machen, und sich stattdessen an simple Regeln und Heuristiken zu halten.

Es kann irrational sein, sich bewusst zu überlegen, welche Handlung im Moment am effektivsten wäre. Diese Überlegungen sind nämlich aufwändig, sie üben einen Druck aus, die resultierenden Handlungen dann auch wirklich auszuführen. Es wäre zu anstrengend, sich im Alltag ständig das Prinzip der Nutzenmaximierung vor Augen zu halten. Auch hier gilt: Sinnvoll interpretiert sollte sich ein/e Konsequentialist/in Heuristiken antrainieren, wann es völlig OK oder sogar gut ist, abzuschalten und sich ohne schlechtes Gewissen zu entspannen.

Zusammenfassung

Auf sinnvolle, nicht-naive Weise interpretiert sollen im Konsequentialismus nicht nur physisch greifbare “Handlungen” auf die Maximierung des Erwartungsnutzens optimiert werden, sondern auch Entscheidungsheuristiken selbst. Es geht darum, sich zu überlegen, welche Art von Entscheidungsheuristiken Konsequentialisten/innen allgemein in welchen Situationen verwenden sollten. Das resultierende Gesamtpaket gilt es bei sich anzuwenden.

Daraus folgt, dass Konsequentialisten/innen Versprechen konsequent halten sollten und dass sie mehr Wert legen sollten als naiverweise angenommen auf Dinge wie Wählen gehen, Abfall trennen, ethisch konsumieren und generell auf Entscheidungen mit kollektiver Dimension. Es folgt zusätzlich, dass sie Gesetze und soziale Normen viel seltener brechen sollten als naiverweise angenommen. Ansonsten wird der naiv-interpretierte Konsequentialismus dafür sorgen, dass sich viele Akteure in das unerwünschte Defektiert-defektiert-Equilibrium des (kollektiven) Gefangenendilemmas hineinmaneuvrieren. Ein solches Resultat gilt es unbedingt zu vermeiden, wenn man eine möglichst gute Welt anstrebt.

Die hier vorgebrachten Überlegungen zeigen, dass die “Gegenspieler” Kantianismus und Konsequentialismus sich viel näher sind, als die traditionelle Deutung vermuten lässt. Der Effektive Altruismus ist nicht mit dem Konsequentialismus gleichzusetzen, aber weil sehr viele effektive Altruisten/innen sich mit dem Konsequentialismus identifizieren, ist es wichtig, dass sie diesen nicht naiv interpretieren, und so der ganzen EA-Bewegung schaden würden. Und zusätzlich wäre es von Vorteil, wenn der Konsequentialismus allgemein den teilweise unverdienten schlechten Ruf verliert, indem die hier dargelegte Interpretation, welche die Gefahren des naiven Konsequentialismus aufzeigt und behebt, an Bekanntheit gewinnt.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf der Website der Stiftung für Effektiven Altruismus veröffentlicht.


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