Meta: Wachstum der EA-Bewegung

Angenommen, man ist die erste Person, die jemals den Überlegungen des Effektiven Altruismus nachging. Was sollte man tun? Es scheint klar, dass es in diesem Fall am wichtigsten wäre, weitere Personen vom EA-Anliegen zu überzeugen. Solange die EA-Bewegung noch Wachstumspotenzial hat, spricht vieles dafür, dass Investitionen ins Wachstum der Bewegung zu den effektivsten Strategien gehören, mit denen man die Welt nachhaltig verbessern kann.

Multiplikatoren

Ein verbreitetes Konzept im Effektiven Altruismus ist die Suche nach „Multiplikatoren“, d. h. nach Möglichkeiten zur Vervielfachung der eigenen Wirkung. Die Strategie der ethischen Berufswahl kombiniert mit dem effektiven Spenden kann beispielsweise als Multiplikator betrachtet werden, weil es einem ermöglichen kann, mit Geld bedeutend mehr zu bewirken, als man es in einer Stelle bei einer traditionelle NGOs tun könnte.

Ein zusätzlicher Multiplikator kommt über sogenannte „Metaspenden“ zustande: Eine Metastrategie ist eine Strategie, die „eine Ebene höher“ ansetzt und ein Ziel auf eine indirekte Weise mit mit stark vergrößerter Wirkung erreicht.

Beispiel: Fundraising

Wissenschaftliche Hilfswerk-Evaluatoren wie GiveWell zeigen, dass ihre empfohlenen Hilfsorganisationen pro investierte Geldeinheit einer großen Zahl von Menschen hilft. Statt direkt an diese Hilfsorganisationen zu spenden, kann man aber auch an eine Organisation spenden, welche diese Spende nutzt, um für die Zielorganisationen Fundraising zu betreiben. Organisationen, die auf diese Weise „eine Ebene höher“ operieren, werden „Metahilfswerke“ genannt. Ein Metahilfswerk ist keine Organisation, die notleidenden Menschen direkt hilft, die aber viele potentielle Spender/innen davon zu überzeugen versucht, hilfsbedürftigen Menschen zu helfen, und es effektiver zu tun. Die Strategie eines Metahilfswerks ist folglich eher indirekt: Mit den Spenden, die sie erhält, fördert sie das altruistische Spenden und allgemein ein rationales, effektivitätsorientiertes Entscheidungsverhalten–, um ihre Wirkung zu vervielfachen. Zum Beispiel: 1’000 Euro an das Team eines Metahilfswerks zu spenden, könnte mehrere Tausend Euro direkter Spenden bewirken, die sonst nicht getätigt worden wären oder an weniger effektive Hilfsmaßnahmen gegangen wären. Statt unser Geld zu spenden, um Menschen direkt zu helfen und so eine/n zusätzliche/n Spender/in zu schaffen, dürften wir viele direkte Spender/innen schaffen, wenn wir „meta gehe”n“ und für die Förderung des altruistischen Spendens spenden.

Hier einige Beispiele erfolgreicher Metahilfswerkstätigkeit:

  • Wie viel Geld erhalten Organisationen pro Euro, den sie ins Fundraising investiert haben, bei verschiedenen Fundraisingformen? Laut dem Institute of Fundraising hat Fundraising bei besonders wohlhabenden Personen (Vermögen von mehr 1 Million Dollar) pro investierten Dollar eine Rendite von 5 bis 8 Dollar, die Fundraisingendite beträgt folglich 5:1 bis 8:1. Im Erbschaftsfundraising kann die Rentabilität sogar bis zu 30:1 betragen.
  • GiveWell, deren hauptsächliche Metaaktivität die Kosteneffektivitätsforschung ist, verzeichnet die von der Organisation weitergeleiteten Spenden. Wenn wir diese Größe mit all ihren bisherigen Ausgaben vergleichen, erhalten wir ebenfalls eine Rendite in der Höhe von 30:1.
  • Die US-Organisation The Life You Can Save (TLYCS), welche die Idee des effektiven Spendens in der breiten Öffentlichkeit fördert, hat nach ihrem Wirkungsbericht eine Rendite von 5,5:1.
  • Raising for Effective Giving (REG) vereint Profis aus verschiedenen Branchen, die ihren positiven Impact auf die Welt maximieren wollen. Dazu verpflichten sie sich, einen gewissen Prozentsatz ihres Einkommens an nachweislich effektive Organisationen zu spenden. REG erreichte im Jahr 2015 eine Rendite von 8:1.

Wenn wir naiv die Fundraisingrendite jedes Metahilfswerks separat berechnen, wird es natürlich einige Doppelzählungen geben, zum Beispiel durch TLYCS-Mitglieder, die an die GiveWell-Empfehlungen spenden. Trotzdem sind derzeit viele Metahilfswerke plausiblerweise mehrfach effektiver als direkte Charities. Dieser Schluss zeigt unter anderem, wie weitreichend die Idee “unüblich hoher und unüblich kosteneffektiver Spenden” bereits ist.

Investieren in die EA-Bewegung

Traditionelles Fundraising hat das Problem, dass Hilfsorganisationen zu einem nicht unerheblichen Teil in einem Konkurrenzkampf um Spender/innen stehen, so dass eine Person, die von einem/r Fundraiser/in auf der Straße zum Spenden an die Organisation A überzeugt wurde, andernfalls vielleicht kurze Zeit später an eine Organisation B gespendet hätte. Wenn die beiden Organisationen ähnlich effektiv sind, hat das Fundraising keinen kontrafaktischen Unterschied bewirkt und die Welt nicht signifikant verbessert.

Das Problem kann dadurch umgangen werden, dass spezifisch für die effektivsten Hilfsorganisationen geworben wird. Sie bewirken bis zu 100-mal mehr als zufällig ausgewählte Organisationen, an welche die Leute sonst spenden würden.

Eine Strategie mit einem noch höheren „Multiplikator“ ist es, in das Wachstum der EA-Bewegung als Ganzes zu investieren. Aufgrund des „Grundes zur Eile“ empfiehlt sich diese Strategie insbesondere in den Anfängen einer sozialen Bewegung, was auf den EA zweifellos zutrifft.

Grund zur Eile

Man vergleiche die zwei folgenden Welten:

(1) Im kommenden Jahr tust du nichts Altruistisches. Danach verbringst du den Rest deines Lebens damit, möglichst viel Leid zu reduzieren.
(2) Zunächst verbringst du ein Jahr damit, andere von den Leitgedanken des Effektiven Altruismus zu überzeugen. Dabei überzeugst du eine Person, die mindestens so viel bewirken wird wie du in Welt (1), andernfalls hingegen gar nichts Altruistisches getan hätte. Nach diesem Jahr stellst du dein altruistisches Handeln ein.

Die entscheidende Beobachtung: In Welt (2) wird mindestens so viel Leid verhindert wie in Welt (1), obwohl du in ihr viel weniger Zeit altruistisch eingesetzt hast – ein Jahr gegenüber deinem ganzen restlichen Leben. Mit anderen Worten: Dein altruistisches Handeln in diesem Jahr kann so wirkungsvoll sein wie dasjenige deines ganzen späteren Lebens! Dieses Beispiel verdeutlicht, warum es bedeutend wichtiger sein könnte, jetzt in die EA-Bewegungsbildung zu investieren als zu einem späteren Zeitpunkt.

Eine nachhaltige Investition

Ein großer zusätzlicher Vorteil von Investitionen zur Förderung der EA-Bewegung liegt in der Flexibilität des EA-Ansatzes. Der Effektive Altruismus ist nicht auf die Lösung eines Problembereichs festgelegt, sondern bereichsneutral, was bedeutet, dass zukünftige Spenden aus der EA-Bewegung zu einem großen Teil in andere Problembereiche fließen würden, sollten sie sich aufgrund neuer Erkenntnisse als höhere Prioritäten herausstellen.
In Zukunft werden mehr Informationen dazu verfügbar sein, in welchen Problembereichen, und konkret mit welchen Interventionen, hohe altruistische Wirkungen erzielt werden können. Investitionen ins Wachstum der EA-Bewegung stellen sicher, dass sich mehr und mehr Menschen möglichst rational Gedanken dazu machen werden, welches die größten und dringendsten Probleme auf der Welt sind, und wie man sie möglichst effektiv angehen kann. Idealerweise führt dies zu einem gesellschaftlichen Umdenken, so dass globale EA-Prioritäten zunehmend von wichtigen gesellschaftlichen Entscheidungsträgern/innen wahrgenommen werden.

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Dieser Artikel wurde ursprünglich auf der Website der Stiftung für Effektiven Altruismus veröffentlicht.


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