„Ich fühlte mich global verantwortlich“

EA-Porträt

Monika Kopec, 33, Ärztin, Raum Stuttgart

Mona Kopec mit Kamera

Monika Kopec engagiert sich seit dem Sommer 2015 als Mitgründerin der EA-Lokalgruppen in Tübingen und Stuttgart. Wegweisend waren für die Kinderpsychiaterin ihr Interesse für Wissenschaft und Rationalität sowie der Wunsch, ihren Impact für eine bessere Welt zu erhöhen.

Interview: Janique Behman

Mona, du arbeitest in der Kinderpsychiatrie, hilfst dort kranken Kindern. Tust du damit nicht schon genug Gutes?

Kinder- und Jugendpsychiatrie ist ein sehr spannendes Fach. In der Kinderpsychiatrie hat man das Potential, vorhandenes Leid früh zu erkennen und möglicherweise auch zukünftiges Leid zu verhindern.

Schätzungen zufolge leidet etwa ein Drittel aller Menschen im Laufe des Lebens mindestens einmal an einer psychischen Erkrankung, was sehr viel Leid mit sich bringt. Mich faszinierten die zugrunde liegenden Mechanismen und Möglichkeiten der Prävention.

Lange Zeit fühlte ich mich trotz allem auf der Sinnsuche und hatte nie das Gefühl, richtig „angekommen“ zu sein. Ich spürte ein starkes Bedürfnis danach, mich auf globalem Niveau für eine bessere Welt einzusetzen, hatte aber nie den Eindruck „es passt“. Ich spendete eine Weile dreistellige Summen an verschiedene Hilfsorganisationen, schaute mal bei den Grünen vorbei, besuchte ein paar Mal das Buddhistische Zentrum in Tübingen. Ich hatte immer den Eindruck, man könnte noch effizienter an einer besseren Welt arbeiten, war mir aber nicht sicher, wie ich meinen Impact strategisch am günstigsten erhöhen könnte. Ich stellte mir die Frage, wo ich wirklich mit den mir gegebenen Mitteln etwas Substantielles beitragen könnte. Mir schien alles, was ich bislang kannte, zu intransparent, zu lokal oder zu wenig zielgerichtet.

Wohin hat dich deine Suche geführt?

Über einen Bekannten, der auch in Tübingen promovierte, erfuhr ich von der Giordano-Bruno-Stiftung. Ich war sofort interessiert: Ein Think-Tank, nicht ideologiegebunden, welcher sich dafür einsetzt, mit wissenschaftlich-rationaler Methodik Werte des evolutionären Humanismus bekannter zu machen. Ich war schon längere Zeit Vegetarierin, und mir gefiel der Gedanke des evolutionären Humanismus, Menschen nicht als „Krone der Schöpfung“ anzusehen und allen leidensfähigen Wesen ein lebenswertes Leben zuzugestehen.

Jedoch schienen die Projekte der Giordano-Bruno-Stiftung für mich persönlich zu sehr auf Religionskritik und zu wenig auf globale ethische Probleme ausgerichtet zu sein.

„Ich möchte, dass mittels evidenzbasierter Hilfsmaßnahmen möglichst vielen Wesen zu einem lebenswerteren Dasein verholfen wird.“

Anfang 2015 erfuhr ich über Facebook durch die Schweizer Regionalgruppe der Giordano-Bruno-Stiftung von der globalen Bewegung des Effektiven Altruismus (EA). Auf dem „Vegan Street Day“ in Stuttgart lernte ich einige effektive Altruistinnen und Altruisten kennen. Mich beeindruckte ihr unaufgeregter, rational-sachlicher Diskussionsstil und ihr starkes persönliches Engagement für eine bessere Welt, auch wenn es bedeutet, sich aus seiner persönlichen Komfortzone hinauszutrauen. Aus einigen Bekannten von damals sind nun Freunde und Mitstreiter/innen geworden.

Erzähl uns von dir und wie du zu dem geworden bist, was du heute bist!

Ich bin 1982 in Transsylvanien geboren, was mich als Vampir qualifiziert. Ich habe Verwandte aus allen möglichen Ländern, so dass ich nie einen typischen „Nationalstolz“ entwickelt habe und mich so auch ganz automatisch und leicht global verantwortlich gefühlt habe, ohne mir dessen bewusst zu sein.

Welche Bereiche faszinierten dich am meisten?

In meiner Jugend war ich vielseitig interessiert, besonders aber hatte es mir die Physik angetan. Ich liebte es, Zusammenhänge zu hinterfragen und diskutierte nach der Schulstunde noch oft mit meinem Lehrer, der auch Rektor des Gymnasiums war. Ich hatte sehr viel Glück, einen so engagierten Rektor zu haben. Er war es auch, der mich für ein Projekt in Stuttgart vorschlug, bei dem naturwissenschaftlich interessierten Schülern Workshops, Seminare und Ausflüge mit wissenschaftlichem Hintergrund angeboten wurden. Dort kam ich mit gleichgesinnten Jugendlichen in Kontakt. Wir machten Ausflüge in den Bayrischen Wald, um mit dem Geiger-Zähler umherzuwandern und Radon in unterschiedlichen Konzentrationen zu inhalieren oder nahmen an Workshops teil zu Themen wie Tissue Engineering. Wir bekamen auch die Möglichkeit, mal an der Uni vorbeizuschauen oder an einem Jugend-Symposium teilzunehmen. Das hat alles sehr viel Spaß gemacht und mich nachhaltig beeinflusst, auch was meine Affinität zu Rationalität und wissenschaftlichem Denken angeht.

Das zeigt ein starkes Interesse an den Naturwissenschaften.

Ja, gleichzeitig hatte ich auch schon immer eine künstlerische Seite. Ich zeichnete gerne Geschichten, in denen ich Personen mit verschiedenen Wesenszügen skizzierte und verschiedene Szenarien durchspielte, ich wollte Menschen verstehen.

Nun bist du Ärztin. Wie kamst du zur Medizin?

Da ich mich für viele Themen begeistern konnte, fiel mir die Studienwahl nicht leicht. Ich entschied mich schließlich für Medizin, weil mich faszinierte, wie Krankheiten entstehen. Letztlich war es einfach Neugier. Ich wollte verstehen, welche Prozesse dazu führen, dass man krank wird und wie man den daraus entstehenden Schaden abwenden kann.

Was war deine wichtigste Neuentdeckung, die du dem EA zu verdanken hast?

EA hat mein Interesse an praktischer Philosophie geweckt, was dazu geführt hat, bestehende Konventionen sowie das eigene Verhalten zugunsten einer möglichen Weiterentwicklung zu hinterfragen und neu zu bewerten.

Wie engagierst du dich jetzt für den Effektiven Altruismus?

Ich habe mit zwei Freunden in Tübingen eine Lokalgruppe gegründet und mit ihnen zusammen dort mehrere Events organisiert (Vortrag, Workshop, Meetup), um Informationen über die Ideen und Organisationen des EA bekannter zu machen.
Im Moment organisiere ich gemeinsam mit einem Freund die Lokalgruppe in Stuttgart mit lockeren Meetups und einer Facebook-Seite, die auf die Themen des EA aufmerksam machen soll.

Im persönlichen Bereich plane ich baldmöglichst umzuziehen, um günstiger zu wohnen und einen festen Teil meines Gehalts an effektive Hilfsorganisationen spenden zu können.

Gibt es noch andere Lebensbereiche, in denen du dich verändert hast?

Als Kind war ich regelmäßig mit meinen Eltern in Rumänien. Dort sind Tiere im Alltag noch sehr präsent. Wenn man durch die Dörfer fährt, begegnen einem frei umherlaufende Hühner und Kühe, die selbstständig von der Weide nach Hause kommen, aber auch viele Straßenhunde. Das Verhältnis zu den Tieren ist „natürlicher“, in dem Sinne, dass es keine Massenabfertigung gibt, aber nicht immer bedeutet das einen Umgang mit mehr Mitgefühl. Ich habe damals schon oft versucht zu verstehen, wieso teils so herzlos mit den Tieren umgegangen wird und habe immer wieder den Dialog gesucht, hatte aber das Gefühl, auf taube Ohren zu stoßen. Selbst ansonsten liebevolle, intelligente Menschen hatten teils große Schwierigkeiten damit, Mitgefühl zuzulassen. Sehr interessant hierzu finde ich die Vorträge von Dr. Melanie Joy, welche beispielsweise gut veranschaulichen, wie Lebewesen durch die Einteilung in „Nutztiere“ und „Haustiere“ objektifiziert werden.

Mitgefühl mit allen leidensfähigen Wesen war mir aber schon immer ein Anliegen. Deswegen und auch der Umwelt zuliebe habe ich seit Mai 2015 meine Ernährung auf überwiegend pflanzlich umgestellt, was leichter war als ich dachte. Natürlich sollte man sich aber ein solides Wissen über Ernährung aneignen und nicht einfach Produkte tierlichen Ursprungs weglassen. Man kann sich auch alleine von Chips vegan ernähren, gesund ist das natürlich nicht.

Ich glaube zudem, dass Verbote hier auch nicht weiterhelfen. Auch eine signifikante Reduktion tierischer Produkte macht schon viel aus. Aufklärung über gesunde Ernährung und die zugrunde liegenden psychologischen Mechanismen beim „Nutzen“ von Tieren sowie ein umfangreicheres, besseres Angebot pflanzlicher Produktalternativen wären begrüßenswert.

Um es zum Schluss nochmal auf den Punkt zu bringen: Wieso gerade der Effektive Altruismus?

Das Zentrale und Besondere am EA ist für mich, dass die Methodik im Mittelpunkt steht und nicht ein willkürlich ausgewähltes Ziel.

Es geht darum, mittels rationaler und wissenschaftlicher Methodik Hilfsprioritäten nach Evidenz auszuwählen und diese Ziele dann auf transparente Weise möglichst effizient zu verfolgen. Dadurch versucht man möglichst vielen Wesen auf globaler Ebene ein lebenswerteres Dasein zu ermöglichen, denn für effektive Altruisten zählen Menschen überall auf der Welt gleich viel. Ein Europäer ist nicht „wertvoller“ als ein Mensch in einer anderen Weltregion. Effektiven Altruistinnen ist bewusst, dass wir alle auf demselben Globus leben, dieselben Ressourcen verbrauchen. Sie sind offen dafür, sich selbst auch immer wieder zu hinterfragen und je nach Wissensstand Überzeugungen upzudaten. Das alles ist aus meiner Sicht etwas wirklich Besonderes. Ich möchte dazu beitragen, den Generationen nach mir eine lebenswerte Welt zu hinterlassen.


Reihe: EA-Porträt

In dieser neu ins Leben gerufenen Interviewreihe stellen wir unterschiedliche Personen aus dem Umfeld des Effektiven Altruismus vor. Wir wollen die soziale Bewegung des EA und den Kreis der Unterstützer/innen der EA-Stiftung in ihrer Vielfalt darstellen. Bisher erschienene Artikel:


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