„Ehrlichkeit ist für mich ein zentraler Aspekt des Effektiven Altruismus”

EA-Porträt

Nils Althaus, 35, Liedermacher, Kabarettist und Schauspieler, Bern

Nils Althaus mit Gitarre

Foto: Lena Maria Thüring, Zürich

Der studierte Biochemiker Nils Althaus hat die Theaterbühne für sich entdeckt. Wenn er sich das meist tragische Schauspiel auf der Weltbühne anschaut, ist er froh, mit dem Effektiven Altruismus ein Instrument in der Hand zu haben, das gegen das lähmende Gefühl von Machtlosigkeit taugt.

Interview: Janique Behman

Nils, effektive Altruistinnen und Altruisten stellen sich manche als rationale, kühl berechnende Kopfmenschen vor. Wenn man dich auf der Bühne sieht, fragt man sich, ob der EA hier nicht vielleicht doch auch mit einer komödiantischen Leichtigkeit ins Spiel kommt…

Humor ist ein gutes Mittel gegen Überforderung und irgendwie auch überraschend fair: Wer viel lacht, lebt länger, wer wenig lacht, leidet kürzer. Ich verbinde auf der Bühne gerne Zwerchfell und Großhirnrinde. Dabei predige ich natürlich nicht mit erhobenem Zeigefinger den Effektiven Altruismus, aber ich rede schon über ernste Dinge, z. B. über Ethik. Eigentlich versuche ich die Menschen so zu überzeugen, dass sie lachen müssen und es erst merken, wenn es schon zu spät ist.

Wie kann man sich deine berufliche Tätigkeit vorstellen?

Ich bin Liedermacher, Kabarettist und Schauspieler. Seit gut 10 Jahren bespiele ich solo mit Gitarre die Kleinkunstbühnen in der Deutschschweiz. Als Schauspieler habe ich unter anderem in Breakout, Happy New Year und Eine wen iig – dr Dällebach Kari Hauptrollen gespielt. Zu all dem bin ich über Umwege gekommen. Ursprünglich habe ich nämlich Biochemie an der ETH studiert. Letzteres habe ich vor drei Jahren wieder entstaubt und nun unterrichte ich ein kleines Pensum Chemie und Biologie an einem Gymnasium.

In welchen Aspekten deines Lebens zeigt sich zum Beispiel, dass du effektiver Altruist bist?

Ich spende 10 % meines Einkommens an effektive Hilfsorganisationen (ein Teil davon geht auch an die Stiftung für Effektiven Altruismus) und ich versuche, ein ethisch vertretbares Leben zu führen. Das bedeutet, ich kaufe und esse wenig Tierprodukte, fliege selten, benutze wann immer möglich die öffentlichen Verkehrsmittel, verprügle niemanden unnötig etc.

Das klingt alles sehr vorbildlich. Gibt es in so einem Leben auch Raum für Tätigkeiten jenseits der Effektivität?

Na ja, manchmal schaue ich meinem Sohn beim Sandschaufeln zu und lasse die Zeit verstreichen. Überhaupt sind eigene Kinder ein sehr uneffektives und kostspieliges Hobby. Aber wenn mein Masterplan gelingt und ich meinen Sohn zu einem Jefferson-Gandhi-Einstein-Konzentrat erziehen kann, wird sich das alles wieder auszahlen. Bisher kann er immerhin schon „Taxi” sagen.

Wie bist du denn selbst zu dem geworden, der du heute bist?

Ich glaube, dass ich von Geburt an einen tief sitzenden Gerechtigkeitssinn habe. Oder eher einen tief sitzenden Ungerechtigkeitssinn. Unnötiges Leid hat mich schon immer wütend gemacht. Deshalb habe ich als Teenager regelmäßig mit nacktem Oberkörper am Fenster tödliche Karateübungen gemacht, für den Fall, dass ein skrupelloser Diktator durch mein Heimatdorf Gümligen reist. Dann hätte er schon mal gesehen, was ihm blüht.

Du wolltest also das Unrecht bekämpfen…

Nach gut 30 Jahren Existenz stellte ich fest, dass das, worüber ich mir seit meiner Geburt den Kopf zerbreche, eigentlich auf Philosophie-Regalen zu finden wäre. Ich las mich im Eiltempo durch die wichtigsten Moraltheorien durch (Kant, Nietzsche, Sidgwick, Singer) und blieb bei den Utilitaristen hängen. Auf die fundamentalsten Fragen der Ethik hatten sie für mich die besten Antworten. Von da war es nur ein Katzensprung zum EA.
Gleichzeitig war ich schon länger auf der Suche nach einer politischen Heimat gewesen, die sich für eine säkulare Ethik einsetzt. Bei der Giordano Bruno Stiftung Schweiz wurde ich diesbezüglich fündig. Bald darauf änderte sie ihren Namen zu Stiftung für Effektiven Altruismus.

„Eigentlich versuche ich die Menschen so zu überzeugen, dass sie lachen müssen und es erst merken, wenn es schon zu spät ist.“

Was ist deiner Ansicht nach zentral am EA?

Effektiver Altruismus bedeutet für mich, mit klugen Methoden und konsequentem Denken möglichst viel Gutes zu bewirken. Was mir sehr gefällt am EA, ist seine Ergebnisoffenheit. Viele andere Gruppierungen behaupten zu wissen, was man tun muss, um die Welt zu verbessern. Der EA sagt hingegen: Unser oberstes Ziel ist es, die Welt so gut zu machen wie möglich. Und jetzt schauen wir mal, welche Mittel dabei am besten funktionieren. Das finde ich sehr ehrlich und sehr klug. Ehrlichkeit ist überhaupt für mich ein zentraler Aspekt des EA. Wir treiben auf einer zum Untergang verdammten Kartoffel durchs All, auf der Milliarden von Lebewesen ein unerträgliches und völlig ungerechtes Schicksal erleiden. Das ist unschön aber wahr. Davor kann man entweder die Augen verschließen oder man kann es akzeptieren und tun, was zu tun ist.

Ein brutal unverklärter Blick auf die Wirklichkeit. Was war denn die wichtigste neue Sichtweise, die der EA dir eröffnet hat im Blick auf das, „was zu tun ist“?

Es war wohl die Erkenntnis, dass Spenden am richtigen Ort viel bewirken können. Diese Erkenntnis riss mich aus der lähmenden Machtlosigkeit des „Spenden-stützt-sowieso-nur-korrupte-Regimes-und-kreiert-Abhängigkeiten”-Treibsandes. Das war sehr befreiend, weil ich auf einmal wieder das Gefühl hatte, ein Werkzeug in der Hand zu haben, das etwas taugt.

Danke, Nils, für die unkonventionellen Perspektiven auf den EA. Wo kann man noch mehr über dich nachlesen?

Auf meiner Homepage findet man alles, auch die Termine zu meinem aktuellen Programm.


Reihe: EA-Porträt

In dieser neu ins Leben gerufenen Interviewreihe stellen wir unterschiedliche Personen aus dem Umfeld des Effektiven Altruismus vor. Wir wollen die soziale Bewegung des EA und den Kreis der Unterstützer der EA-Stiftung in ihrer Vielfalt darstellen. Bisher erschienene Artikel:


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