Warum dieses Jahr das wichtigste sein könnte

Effektive Altruisten/innen möchten ihre begrenzten Ressourcen dafür nutzen, die Lebensumstände möglichst vieler empfindungsfähiger Wesen so gut wie möglich zu verbessern. Insbesondere sind sie dabei mit folgenden Fragen konfrontiert:

  • Finanzielle Ressourcen jetzt an effektive Hilfsorganisationen spenden – oder das eigene Geld zunächst ertragreich anlegen, um später eine größere Summe zu spenden?
  • Die eigene Zeit jetzt verwenden, um für eine effektive Hilfsorganisation zu arbeiten – oder zunächst, etwa durch einen herausfordernden Job oder eine Promotion ohne direkte altruistische Wirkung, die eigenen Fähigkeiten weiterentwickeln, um später als Altruist/in noch wirkungsvoller zu sein?

Von großer Relevanz für diese Frage ist ein Argument, das in der internationalen Bewegung des Effektiven Altruismus seit einigen Jahren unter dem Namen Haste Consideration diskutiert wird. Ihm zufolge besteht beim Vorhaben der altruistischen Wirkungsmaximierung ein Grund zur Eile, weil unser Handeln in der nahen Zukunft wirkungsvoller sein könne als zu jedem späteren Zeitpunkt. Diese auf den ersten Blick überraschende These werden wir im Folgenden diskutieren.

Ein Grund zur Eile für altruistisches Handeln

Man vergleiche die folgenden beiden Welten:

  1. Im kommenden Jahr tust du nichts Altruistisches. Danach verbringst du den Rest deines Lebens damit, möglichst viel Leid zu reduzieren.
  2. Zunächst verbringst du ein Jahr damit, andere von den Leitgedanken des Effektiven Altruismus zu überzeugen. Dabei überzeugst du eine Person, die mindestens so viel bewirken wird wie du in Welt A, andernfalls hingegen gar nichts Altruistisches getan hätte. Nach diesem Jahr stellst du dein altruistisches Handeln ein.

Die entscheidende Beobachtung: In Welt B wird mindestens so viel Leid verhindert wie in Welt A, obwohl du in ihr viel weniger Zeit für altruistisches Handeln aufgewendet hast – ein Jahr gegenüber deinem ganzen restlichen Leben. Mit anderen Worten: Dein altruistisches Handeln in diesem Jahr kann so wirkungsvoll sein wie dasjenige deines ganzen späteren Lebens!

Wie stark ist dieser Grund zur Eile?

Diese Schlussfolgerung erscheint zunächst sehr kontraintuitiv. Ein naheliegender Einwand, der bereits im ursprünglichen Beitrag zur Haste Consideration diskutiert wurde, ist folgender: Was ist, wenn du in Welt A im Laufe deines Lebens mehrere Personen davon überzeugst, auf effektive Weise altruistisch zu handeln? Sicherlich bewirkt das mehr, als – wie in Welt B – nur eine Person zu überzeugen? Sehen wir uns das Argument genauer an. Wir haben angenommen, dass die überzeugte Person in Welt B mindestens so effektiv sein wird wie du in Welt A. Wenn du also in Welt A mehrere Personen vom Effektiven Altruismus überzeugen wirst, dann wird die von dir überzeugte Person in Welt B mindestens genau so viele Personen überzeugen (oder auf andere Weise eine mindestens genau so große altruistische Wirkung haben).

Tatsächlich folgt das Ergebnis des obigen Arguments rein logisch aus den Annahmen – diese Schlussfolgerung ist nicht angreifbar. Die kritischere Frage ist, inwieweit die beiden Welten tatsächliche Handlungsalternativen beschreiben:

  • Innerhalb eines Jahres eine Person zu überzeugen, ist plausiblerweise ein für viele Menschen erreichbares Ziel. Einige Menschen sind sogar dazu in der Lage, mehrere Personen pro Jahr zu überzeugen, wie das bisherige Wachstum der Bewegung des Effektiven Altruismus zeigt.
  • Problematischer ist die Annahme, dass die überzeugte Person mindestens so effektiv ist wie man selbst in Welt A. Dies wird wohl nicht in jedem Einzelfall, im Durchschnitt aber zumindest annähernd der Fall sein.
  • In der Regel nicht zutreffen wird wohl die Annahme, dass die überzeugte Person in Welt B nichts Altruistisches getan hätte, wenn man sie nicht überzeugt hätte. Weil aber die effektivsten altruistischen Handlungen um Größenordnungen wirkungsvoller zu sein scheinen als die üblichen, dürfen wir zumindest annehmen, die altruistische Wirkung der überzeugten Person deutlich zu erhöhen.
  • Wohl am stärksten wäre die Tragweite des Grunds zur Eile dadurch beeinträchtigt, wenn die soziale Bewegung des Effektiven Altruismus eine relativ kleine Maximalgröße hätte. Wenn nämlich – unabhängig vom eigenen Handeln im nächsten Jahr – jede potentielle Altruistin bald überzeugt wird, lässt sich das Ausmaß des in Welt B postulierten Überzeugungseffekts kaum aufrechterhalten. Weil der Effektive Altruismus aber eine noch junge Bewegung mit plausiblerweise großem Wachstumspotential ist, sind die Welt B zugrunde liegenden Annahmen aber wohl zumindest nicht um Größenordnungen zu optimistisch.

Eine wichtige Beobachtung ist nun, dass der Grund zur Eile ein gegenüber der Abschwächung seiner Annahmen robustes Argument liefert. Wird beispielsweise in Welt B eine Person überzeugt, die etwas weniger bewirkt als man selbst in Welt A, dann wird der Grund zur Eile nicht völlig unterminiert – sondern lediglich etwas schwächer.

Bei Berücksichtigung aller Komplikationen ist der Unterschied zwischen der Effektivität von Handlungen in der nahen und ferneren Zukunft also nicht so groß, wie es zunächst scheint. Insgesamt spricht der Grund zur Eile dennoch für die Wichtigkeit der nahen Zukunft, auch wenn es von komplizierten empirischen Fragen abhängt, wie wichtig genau diese ist.

Schlussfolgerung 1: Die Verbreitung der EA-Bewegung ist wichtig

Die Bewegung des Effektiven Altruismus (EA) verfügt über limitierte Ressourcen. Diese können einerseits dafür eingesetzt werden, auf relativ direkte Weise Leid zu verringern – beispielsweise durch die Verteilung von Moskitonetzen zur Malariaprävention. Andererseits können Ressourcen in die Verbreitung der EA-Bewegung investiert werden: Ein Beispiel für sogenannte Meta-Arbeit, welche die zukünftige Handlungsfähigkeit verbessert.

Wie sie ihre Ressourcen zwischen Meta- und direkter Arbeit aufteilen sollen, um ihre altruistische Wirkung zu maximieren, ist für EA-Organisationen eine wichtige und schwierig zu klärende Frage. Sicherlich sollten längst nicht alle Ressourcen dafür aufgewendet werden, die EA-Bewegung zu vergrößern. Das ist schon allein deshalb nicht sinnvoll, weil eine reine Meta-Bewegung kaum Anhänger/innen finden würde. Direkte Arbeit ist also auch instrumentell wichtig für das Wachstum der EA-Bewegung, das wiederum den letztlich angestrebten altruistischen Zielen dient.

Der Grund zur Eile ist aber ein starkes Argument dafür, dass das Wachstum der EA-Bewegung in der nahen Zukunft eines der wichtigsten instrumentellen Ziele sein könnte. Auch Modellrechnungen, die von weniger vereinfachenden Annahmen ausgehen, bestätigen diese Schlussfolgerung.

Schlussfolgerung 2: Altruistisches Handeln und Spenden sind jetzt besonders wertvoll

Der vorgestellte Grund zur Eile spricht dafür, die eigene Zeit in der nahen Zukunft für die Verbreitung der EA-Bewegung einzusetzen. Er liefert aber auch ein starkes Argument dafür, eher jetzt als später zu spenden – und zwar für effektive Meta-Arbeit. Wenn nämlich jetzt mehr Geld zur Verfügung steht, können beispielsweise mehr Vollzeitstellen zur Verbreitung der EA-Bewegung finanziert werden.

Ähnlich lassen sich auch andere Ressourcen in der Regel in Zeit konvertieren. Tatsächlich scheint daher trotz der diskutierten Komplikationen sogar die folgende, allgemeinere Schlussfolgerung gerechtfertigt:

Ressourcen zur Leidminderung sind wesentlich wertvoller, wenn sie früher zur Verfügung stehen.

Weiterführende Beiträge

Andere Erwägungen sprechen hingegen dafür, das eigene Handeln und Spenden zu verzögern. Es scheint zweifelhaft, ob sie den hier diskutierten Grund zur Eile aufwiegen können. In der EA-Bewegung gibt es hierzu aber unterschiedliche Positionen, wie etwa die folgenden Beiträge deutlich machen:

Dieser Artikel ist zuvor in ähnlicher Form auf dem Blog unseres Projekts Sentience Politics erschienen.


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