Weniger Leid ist besser

Dieser Artikel dient zur Verteidigung einer konsequentialistischen Ethik1)Der Konsequentialismus bewertet Handlungen nur aufgrund ihrer Konsequenzen und kennt im Gegensatz zur Deontologie keine kategorischen Regeln oder Verbote., die den am Effektiven Altruismus zentralen Fokus auf das effektive Helfen begründet. Zusammenfassend kann man das konsequentialistische Grundprinzip im Effektiven Altruismus wie folgt ausdrücken: Zahlen sind relevant, weil Individuen relevant sind, und weil weniger Leid besser ist als mehr Leid2)Es sollte erwähnt werden, dass sich nicht alle Effektiven Altruisten/innen mit dem Konsequentialismus identifizieren. Auch wer zu einer anderen Auffassung neigt, kann dem Grundsatz zustimmen, dass altruistisch investierte Ressourcen möglichst effektiv eingesetzt werden sollten..

1. Tun und Unterlassen

Warum empfinden wir es als falsch, jemandem Schaden zuzufügen? Es scheint, dass das Schlechte an der Schädigung selbst liegt, am Leid und an den frustrierten Präferenzen des Opfers. Wenn dies der wahre Grund ist, weshalb wir das aktive Schädigen anderer als falsch empfinden, dann sollte dieser gleiche Grund eigentlich auch dagegen sprechen, Schädigungen geschehen zu lassen. Angenommen wir wären in der Lage, jemanden vor Schaden zu bewahren, nehmen diese Möglichkeit jedoch nicht wahr, ist dann der Ausgang – mehr Leid und frustrierte Präferenzen für jemanden – nicht gleich bedauernswert wie im Fall, wo wir die Schädigung selbst verursacht haben?

Aus der Perspektive der Person, die von unserer Entscheidung betroffen ist, scheint es unlogisch, dass es einen Unterschied machen sollte, auf welche Art und Weise eine Schädigung zustande kam. Für das Opfer selbst geht es um die Erfüllung der eigenen Interessen und darum, nicht unfreiwillig leiden zu müssen. Wenn wir hingegen – anstatt die Perspektive der betroffenen Person einzunehmen – primär auf die kausalen Details fokussieren, wie eine bestimmte Schädigung genau zustande kam, weist dies nicht eher auf eine selbst-zentrierte Besorgnis um die “Sauberkeit der eigenen Hände” hin, statt auf eine genuin-altruistische Besorgnis um das Wohlergehen anderer? Vor diesem Hintergrund lässt sich die Position, dass Tun und Unterlassen sich ethisch fundamental voneinander unterscheiden, nicht mit einer altruistischen Grundhaltung vereinbaren.

Wenn die obige Überlegung zutrifft, weshalb erscheinen uns dann aber Fälle, in denen es um aktive Schädigung geht, so viel unmoralischer als Fälle, in denen eine Hilfeleistung unterlassen wird? Es macht zwar keinen guten Eindruck, wenn jemand einfach am ertrinkenden Kind im Teich vorbeiläuft. Aber sicherlich ist dies weniger schlimm, als wenn jemand ein Kind in den Teich stößt und dann wegläuft?!

Rückschlüsse auf den moralischen Charakter eines Akteurs

Das obige Beispiel ist schlecht gewählt. In den allermeisten Fällen macht es tatsächlich Sinn, aktive Schädigungen als moralisch schlechter (bzw. verurteilenswerter!) zu bewerten als das Unterlassen von Hilfeleistungen. Im Vergleich zur Unterlassung einer Hilfeleistung gibt eine aktive Schädigung in den meisten Fällen nämlich viel stärkeren Rückschluss darauf, dass der verantwortliche Akteur schlechte Absichten hatte. Und Absichten sind (auch im Konsequentialismus!) relevant, weil sie voraussagen, wie sich jemand in Zukunft in ähnlichen Situationen verhalten wird. Wer an einem Teich vorbeigeht und ein Kind hineinwirft, der wählt aus allen möglichen Handlungsoptionen genau diejenige Option, in der das Kind ertrinkt. Daraus lässt sich ableiten, dass der Akteur eine Welt bevorzugt, die weitestgehend dadurch definiert ist, dass das Kind leidet oder stirbt – was uns wiederum starke Evidenz für den unmoralischen Charakter des Akteurs liefert. Wenn jemand hingegen tatenlos am ertrinkenden Kind vorbeiläuft, dann lässt sich daraus zwar schließen, dass dem Akteur das Leben/Wohlergehen des Kindes nicht das Wichtigste ist, was zur Zeit auf dem Spiel steht. Es lässt sich daraus aber nicht folgern, dass das Kind dem Akteur völlig egal ist, oder dass der Akteur gar positiv ein Interesse daran hätte, das Kind leiden zu sehen. Weil das Kind in diesem Weltverlauf schon am Ertrinken ist, führen die allermeisten Handlungen, die der Akteur tätigen könnte, zum Tod des Kindes – was es viel anspruchsvoller macht, eine Handlung auszuwählen, die zur Rettung des Kindes führt.

Hilfeleistungen sind in der Regel aufwändiger als das Unterlassen von Schädigungen. Deswegen nehmen wir Schädigungen als schlimmer war: Sie geben stärkere Evidenz für den unmoralischen Charakter eines Akteurs, dafür, dass jemandem das Wohlergehen anderer egal ist (oder noch schlimmer, dass jemand sich am Leid anderer erfreut). Mit spezifisch gewählten Beispielen lässt sich die Situation jedoch umdrehen:

Beispiel 1: Man stelle sich vor, wir stehen in einem Raum voller Bewegungssensoren. Nur auf genau den Bereich, in dem wir stehen, sind keine Bewegungssensoren gerichtet. Die Sensoren lösen einen Kran aus, der ein ertrinkendes Kind aus einem nahegelegenen Teich retten würde. Wir müssen uns also bloß etwas bewegen, und schon wird das ertrinkende Kind durch unser “aktives Handeln” gerettet.

Beispiel 2: Wieder sind wir in einem Raum mit Bewegungssensoren. Dieses Mal lösen die Bewegungssensoren den Kran so aus, dass bei ihrer Aktivierung ein Kind in den Teich gestoßen wird. Nur genau eine Ecke des Raumes ist frei von Bewegungssensoren: Wenn wir nicht innerhalb von wenigen Sekunden in diese Ecke eilen, lösen wir die Sensoren aus und “schädigen” somit das Kind.

Bei diesen Beispielen wären sich die meisten Leute wohl einig, dass das “Unterlassen einer Hilfeleistung”3)Ob es sich in diesem spezifischen Beispiel noch um eine “Unterlassung” handelt, lässt sich diskutieren. Es ist nicht gegeben, dass sich die Alltagsbegriffe wie “Handlung” und “Unterlassung” auch in konstruierten Gedankenexperimenten immer mit klaren Kriterien unterscheiden lassen. Die Tatsache, dass es sich bei diesen Begriffen wahrscheinlich nicht um Kategorien mit klar definierten Grenzen handelt, liefert zusätzlich ein Argument dafür, dass die Unterscheidung an sich nicht moralisch relevant sein kann. im Beispiel 1 zumindest gleich schlimm ist, wenn nicht gar schlimmer, als die “Schädigung” im Beispiel 2.

Die konsequentialistische Ansicht, dass Tun und Unterlassen an sich gleich zu bewerten sind, wird durch die obige Analyse gestützt: In vielen alltäglichen Fällen finden wir die vermeintlich geforderte Gleichbewertung kontraintuitiv, aber dies lässt sich damit erklären, dass zusätzliche Faktoren im Spiel sind, die wirklich einen relevanten Unterschied ausmachen: Hilfeleistungen sind in der Regel anspruchsvoller als die Vermeidung von Schädigungen, was auch in der konsequentialistischen Analyse berücksichtigt werden muss. In konstruierten Fällen, wo der benötigte Aufwand für beides (Schädigen oder Nicht-Helfen) gleich gehalten wird, scheint die konsequentialistische Position nicht nur in ihrer abstrakten Begründung (siehe oben, “1. Tun und Unterlassen”) am sinnvollsten, sondern auch intuitiv.

2. Trolley-Probleme und selbstgesteuerte Fahrzeuge

Wie sieht es mit der Frage aus, ob Schädigungen legitimiert werden können, wenn sie eine gewichtigere Hilfeleistung ermöglichen? Mit den vielen Variationen der berühmten Trolley-Gedankenexperimente wurde diese Frage eingehend philosophisch analysiert. Hier eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Überlegungen. Interessant daran ist insbesondere die Tatsache, dass auch bei diesen Gedankenexperimenten meist zusätzliche Variablen im Spiel zu sein scheinen. Rein intuitiv scheinen Schädigungen beispielsweise viel eher zulässig, wenn dabei kein direkter Körperkontakt benötigt wird. Wir sind eher bereit dazu, fünf aufs Gleis gefesselten Arbeitern das Leben zu retten, indem wir einen dicken Mann per Knopfdruck (über eine Falltür) aufs Gleis befördern, als dass wir den dicken Mann mit den eigenen Händen von der Brücke stoßen würden. Dies sollte aus einer altruistisch-orientierten Perspektive jedoch kaum einen Unterschied machen, da wir in beiden Fällen gleichermaßen für den Tod des Mannes verantwortlich wären, und da für beide Fälle das gleiche Leid und die gleichen Interessensverletzungen zu erwarten sind.

Unsere Abneigung gegen die konsequentialistischen Handlungsempfehlungen in extremen Dilemmafällen kommt primär von einer intuitiv-emotionalen Abwehrreaktion gegen die Idee, andere Menschen direkt zu schädigen. Es ist gut, dass wir uns an der Vorstellung, anderen Leid zuzufügen, so stark stören! In realistischen Alltagssituationen ist es – anders als in abstrakten Gedankenexperimenten, in denen spezielle Regeln gelten – auch völlig gerechtfertigt, Handlungen, welche die Grundinteressen anderer stark verletzten, gar nicht erst in Erwägung zu ziehen. Dementsprechend sind diese philosophischen, konstruierten Gedankenexperimente heikel und manchmal etwas missverständlich, wenn man sich nicht explizit bewusst ist, was genau ihre philosophische Funktion sein sollte. Aber wenn rein die im Gedankenexperiment stipulierten Umstände und Folgen betrachtet werden, dann macht aus der altruistischen Perspektive dasjenige Entscheidungsprinzip Sinn, bei dem die Interessen der meisten Beteiligten möglichst weit berücksichtigt werden – auch wenn dies manchmal die Legitimierung einer aktiven Schädigung mit sich bringt.

Trolley-Gedankenexperimente sind nicht nur abstrakte Spielereien. In gewissen Staaten der USA sind schon heute selbstgesteuerte Fahrzeuge zugelassen. Diese Fahrzeuge brauchen Regeln, wie sie sich im Falle eines drohenden Unfalls zu verhalten haben. Sollten sie beispielsweise das Überleben der Insassen am höchsten priorisieren oder sollte es bei einem unausweichlichen Unfall darum gehen, die Opferzahl insgesamt möglichst gering zu halten? In “echten” Trolley-Problemen, in denen wir die Entscheidungsprinzipien aller selbstgesteuerten Fahrzeuge bestimmen müssen, sind die meisten Leute dazu geneigt, die Fahrzeuge konsequentialistisch handeln zu lassen. Damit ist das durchschnittliche Unfallrisiko aller Verkehrsteilnehmer nämlich geringer, selbst wenn es in manchen Fällen sein kann, dass ein selbstgesteuertes Fahrzeug sich entgegen den Interessen der Insassen entscheidet und beispielsweise in eine Wand fährt anstatt in eine Menschenmenge. Dies versinnbildlicht, dass der Konsequentialismus die Interessen aller Beteiligten möglichst fair berücksichtigt.

3. Der Schleier des Nichtwissens

Das generelle Entscheidungsprinzip, das konkret im Beispiel der selbstgesteuerten Fahrzeuge relevant wird, wurde erstmals vom Ökonomen John Harsanyi unter dem Begriff original position vorgestellt. Der Philosoph John Rawls machte daraus das Gedankenexperiment “Schleier des Nichtwissens”: Man stelle sich vor, wir wissen nicht, in welche gesellschaftliche Position wir hineingeboren werden. Wir befinden uns hinter dem Schleier des Nichtwissens und können wählen, nach welchen moralischen Prinzipien in der Welt entschieden werden soll. Welche Prinzipien würden wir auswählen, um sicherzustellen, dass es uns möglichst gut gehen wird?

Anders als Harsanyi argumentierte Rawls für die Minimax-Regel, also dafür, dass wir die Regeln der Gesellschaft so wählen sollten, dass es dem schlechtestgestellten Individuum möglichst gut gehen wird. Diese Wahl scheint aber irrational: Rawls würde lieber in eine Gesellschaft hineingeboren werden, in der 10,000 Leute stark (9 auf einer hypothetischen Leidskala) leiden,  als in eine Gesellschaft, in der 9,999 Leute glücklich und zufrieden sind (nur 1 auf der Leidskala), während eine Person minimal stärker leidet als die leidenden Personen der ersten Gesellschaft (z.B. 9.001 auf der Skala). Diese absurde Präferenz begründet Rawls damit, dass wir die Wahl “nur einmal” treffen, und dass es sein könnte, dass wir das schlechteste Los ziehen, in welchem Fall das extrem schlecht für uns sein würde. Für viele andere Philosophen, inklusive Harsanyi, der das Gedankenexperiment ursprünglich entworfen hatte, macht diese Ansicht jedoch wenig Sinn. Es erscheint plausibler, hinter dem Schleier des Nichtwissens den erwarteten Nutzen zu maximieren, sprich sich für ein utilitaristisches Entscheidungsprinzip auszusprechen, mit dem man sicherstellt, dass man in der Erwartung möglichst erfüllte Präferenzen haben wird.

4. Lässt sich Leid überhaupt abwägen?

Ein häufiger Einwand gegen den Konsequentialismus ist der Vorwurf, dass sich Leid interpersonal nicht vergleichen lässt. Dieser Vorwurf kann auf zwei Arten interpretiert werden: 1) Es ist äußerst schwierig, das Leid verschiedener Personen – oder dasjenige verschiedener Tiere – sinnvoll zu vergleichen. 2) Es ist unmöglich, das Leid verschiedener Personen/verschiedener Tiere sinnvoll zu vergleichen.

Zu 1) lässt sich entgegnen, dass die Schwierigkeit eines Vorhabens nicht relevant dafür ist, ob das dahinterliegende Ziel an sich erstrebenswert ist oder nicht. Wenn es wirklich unser Ziel ist, unfreiwilliges Leid auf der Welt zu lindern, dann müssen wir nichtsdestotrotz so gut wie möglich versuchen, sinnvolle Abwägungen zu finden.

Zu 2) lässt sich entgegnen, dass wir alle im Alltag Leidabwägungen treffen: Wir erachten es beispielsweise für wichtig/gut, einem Kleinkind eine schmerzhafte Impfung zu geben, um damit zukünftige Krankheiten zu vermeiden. Damit legen wir uns implizit auf die Position fest, dass die Option “Nadelstich” weniger schlimm ist als “zukünftige Krankheiten mit Wahrscheinlichkeit x”.

Zusätzlich gibt es Extremfälle, in denen es völlig absurd(!) wäre, zu behaupten, dass sich zwei Arten von Leid “nicht vergleichen lassen”. Wir alle würden lieber eine Person vor tagelanger Folter bewahren, als die Langeweile einer anderen Person um eine Sekunde zu verkürzen. Dass Abwägungen in anderen Fällen manchmal viel schwieriger zu treffen sind, heißt nicht, dass das Prinzip der Leidabwägung hoffnungslos ist. Es geht nicht darum, eine perfekte Methode zur Hand zu haben, die in jeder Situation genau vorgibt, was die richtige Entscheidung ist. Es genügt, wenn man alle verfügbaren Informationen berücksichtigt und mit bestem Wissen und Gewissen vorgeht, so dass man dadurch bessere Entscheidungen fällt, als sie ein rein zufälliger Entscheidungsprozess liefern würde.

Es mag nicht offensichtlich sein, in welchen Problembereichen Effektive Altruisten/innen am meisten Leid verhindern können. Aber es ist sehr klar, dass gewisse mögliche Fokusgebiete kaum in Frage kommen: Es ist beispielsweise klar, dass eine Investition in die Renovation eines Opernhauses, mit der sich die Langeweile einiger Bürger etwas senken würde, weniger Leid und unerfüllte Interessen verhindert, als eine Spende an die besten Hilfswerke in Bezug auf Weltarmut oder Tierleid.

Gerade wenn es um extreme Formen von Leid geht ist klar, dass die Verhinderung solcher Erfahrungen anderem gegenüber Priorität hat. Einige Leute argumentieren sogar, dass sich schlimmes Leid nicht durch mildes Leid aufwiegen lässt, egal, welche Mengen an mildem Leid man zum Vergleich nimmt. Diese Position erscheint intuitiv vielleicht sehr plausibel, aber bei einer genaueren Untersuchung der damit verbundenen Annahmen4)Siehe Kapitel IV und folgende im verlinkten Essay. zeigt sich, dass aus ihr einige kontraintuitive Implikationen folgen, die man in Kauf nehmen müsste.

5. Konklusion

Krtiker werfen dem Konsequentialismus vor, dass er ein abstraktes “Kollektiv” über die Rechte des Individuums stellt und damit Personen bloß als “Gefäße von Glück, Leid oder Interessen” betrachtet. Dieser Vorwurf basiert jedoch rein auf unfairer Rhetorik: Das “Kollektiv”, um das es im Konsequentialismus geht, besteht aus nichts anderem als den Interessen der Individuen, die allesamt gleich und so stark wie nur möglich gewichtet werden.

Was bedeutet es überhaupt, die “Rechte des Individuums” zu verletzen? So wie dieser Einwand vorgebracht wird, scheint es darauf hinauszulaufen, dass ein “Recht” einfach die Annahme symbolisiert, dass aktives Schädigen stets schlimmer ist als die Unterlassung einer Hilfeleistung. Dies bedeutet jedoch, dass die Interessen eines gewissen Individuums, desjenigen Individuums nämlich, dem man schaden müsste, stärker gewichtet werden als all die Interessen derer, denen geholfen werden könnte. Ein anti-konsequentialistisches Recht kommt dementsprechend immer mit der Herabsetzung eines Hilfsanspruchs. Der Konsequentialismus hingegen geht davon aus, dass alle Individuen ein gleiches Recht auf Interessenerfüllung und Leidensfreiheit haben.

Es ist nicht etwa so, dass die Interessen der Einzelnen im “Kollektiv” der großen Zahlen untergehen. Zahlen sind relevant, weil Individuen relevant sind. Der Konsequentialismus ist nicht “kalt und berechnend”, sondern viel eher “warm und berechnend”: Wer möchte, dass es anderen möglichst gut geht, der/die muss wohl oder übel auch mit Zahlen umgehen und manchmal gewillt sein, unangenehme Entscheidungen zu fällen. Das ist ein unangenehmer Fakt über die Welt, in der wir leben, und nicht etwa eine unangenehme Implikation des Konsequentialismus selbst. Leider ist es in der Welt so, dass manche Individuen leiden müssen, selbst wenn wir unser Bestes tun, um dies zu verhindern.

Worin die Deontologie – der ethische “Gegenspieler” des Konsequentialismus – allerdings völlig Recht hat, ist die Einsicht, dass es in realen Lebenssituationen und in Bezug auf die politische Rechtsgebung unerlässlich ist, Handlungen wie Folter oder Tötungen strikt zu verbieten. Die Missbrauchsgefahr bei menschlichen Gehirnen, da wir keine super-ethischen Wesen sind, ist ansonsten viel zu groß. Der Konsequentialismus spricht sich dementsprechend klar für Individualrechte im rechtlichen Sinn aus. Und anders als man dies naiv vielleicht meinen würde, folgt aus dem Konsequentialismus keineswegs, dass man in alltäglichen Situationen Regeln brechen sollte, wenn dies die Welt (voraussichtlich) zu einem besseren Ort machen würde. Der nächste Artikel zeigt, dass korrekt interpretiert auch aus dem Konsequentialismus folgt, dass gewisse Handlungen kategorisch verboten sind, dass Lügen schlecht ist und dass Versprechen zu halten sind.

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Dieser Artikel wurde ursprünglich auf der Website der Stiftung für Effektiven Altruismus veröffentlicht.


Zentrale Konzepte

Weiterführende Texte

Fußnoten   [ + ]

1. Der Konsequentialismus bewertet Handlungen nur aufgrund ihrer Konsequenzen und kennt im Gegensatz zur Deontologie keine kategorischen Regeln oder Verbote.
2. Es sollte erwähnt werden, dass sich nicht alle Effektiven Altruisten/innen mit dem Konsequentialismus identifizieren. Auch wer zu einer anderen Auffassung neigt, kann dem Grundsatz zustimmen, dass altruistisch investierte Ressourcen möglichst effektiv eingesetzt werden sollten.
3. Ob es sich in diesem spezifischen Beispiel noch um eine “Unterlassung” handelt, lässt sich diskutieren. Es ist nicht gegeben, dass sich die Alltagsbegriffe wie “Handlung” und “Unterlassung” auch in konstruierten Gedankenexperimenten immer mit klaren Kriterien unterscheiden lassen. Die Tatsache, dass es sich bei diesen Begriffen wahrscheinlich nicht um Kategorien mit klar definierten Grenzen handelt, liefert zusätzlich ein Argument dafür, dass die Unterscheidung an sich nicht moralisch relevant sein kann.
4. Siehe Kapitel IV und folgende im verlinkten Essay.

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