Zuerst kommt das Ziel

Lukas Gloor, 8. Oktober 2013

In Diskussionen über ethische Fragen wird zu wenig über Ziele gesprochen. Stattdessen läuft die Diskussion oft darauf hinaus, dass eine Partei eine empirische Behauptung aufstellt, die die andere Partei bestreitet. Die Diskussion geht dann hin und her und selten ändert jemand seine Meinung. Dieser Artikel ist ein Plädoyer dafür, mehr über Ziele selbst zu diskutieren, bevor wir uns über ihre Umsetzung zu streiten beginnen.

Um die Problematik zu verdeutlichen, folgen nun als Beispiel vier Gegenargumente zu einer ethischen Fragestellung. Nur zwei der Gegenargumente kritisieren direkt das Ziel oder die vorgeschlagene Intervention an sich. Die anderen zwei Argumente kritisieren nur indirekte Nebeneffekte, die möglicherweise entstehen können. Welche Argumente sind bloß empirisch?

Fragestellung: Sollte es erlaubt sein oder gar gefördert werden, mittels Embryonenselektion die Chancen zu erhöhen, dass Babys in ihrem Leben tendenziell eher glücklich und weniger anfällig für Depressionen sein werden? Die Gegenargumente sind:

  1. Nein, im Leben geht es auch darum, aus eigener Kraft Hindernisse zu überwinden und so einen starken Charakter zu entwickeln. Wenn die Mühen im Leben künstlich abgebaut werden, dann verliert das Leben potenziell an Wert.
  2. Nein, wenn man so etwas erst einmal erlaubt, wird man es nicht verhindern können, dass mittelfristig auch die Augenfarbe oder das Körpergewicht von den Eltern oder gar dem Staat bestimmt wird!
  3. Nein, nur die Reichen könnten sich so etwas leisten, was die Ungerechtigkeit in der Welt noch mehr verstärken würde.
  4. Nein, Embryonen sind menschliche Wesen und man darf sie nicht einem Selektionskatalog nach „aussortieren“ und dann zerstören.

Zur Terminologie: Wenn wir über Ziele an sich diskutieren, dann befinden wir uns auf der normativen Ebene. Wenn wir über die Erreichbarkeit von Zielen und über mögliche negativen Folgen ihrer Umsetzung diskutieren, bewegen wir uns auf der empirischen Ebene. Für die Qualität von ethischen Diskussionen (und v. a. auch politischen Diskussionen, welche auch zur Ethik gehören) ist es wichtig, sich dieser zentralen Unterscheidung bewusst zu sein.

Die Argumente eins und vier im Beispiel oben betreffen die normative Ebene. Diese Argumente kritisieren die Intervention und ihr Ziel selbst. Die Argumente zwei und drei beziehen sich auf die empirische Ebene. Die Punkte, die kritisiert werden, sind keine inhärenten Bestandteile des vorgeschlagenen Ziels (hier: glücklichere Menschen) oder der Intervention (hier: Biotechnologie). Man kann sich nämlich Wege vorstellen, das besagte Ziel zu erreichen, welche ohne die negativen Nebeneffekte auskommen. Auf das Argument drei könnte man beispielsweise erwidern, dass die Embryonenselektion in diesem Fall erst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte, wenn alle die finanzielle Möglichkeit haben, sie zu nutzen.

Dass viele Leute empirische Einwände gegen ethische Ziele aufbringen, könnte damit zu tun haben, dass sie Intelligenz signalisieren wollen, indem sie darauf hinweisen, dass gut gemeinte Interventionen aus komplexen Gründen negative Konsequenzen haben könnten. Wenn jemand beispielsweise dafür argumentiert, dass wir mehr Geld an effektive Hilfsorganisationen spenden sollten, wird darauf oft entgegnet, dass die Entwicklungshilfe nichts nutze oder kontraproduktiv sein könne. (Für bestimmte Formen der Entwicklungshilfe trifft das zu, auf viele Interventionen und insbesondere die effektiveren unter ihnen aber natürlich nicht.) Aber selbst wenn dies der Fall wäre: Außer man behauptet, dass jede Form der Hilfe notwendigerweise nichts bringt – was absurd wäre –, stellt der empirische Einwand das Ziel nicht infrage. Es würde lediglich folgen, dass wir Ressourcen zur Lösung dieses Problems investieren sollten.

Natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall: Manchmal sind Menschen so sehr von einer ethischen Idee eingenommen – z. B. von politischen Utopien, die die menschliche Psychologie zu wenig berücksichtigen –, dass sie empirische Gegenargumente unterschätzen.

Empirische Argumente haben durchaus ihren Platz in der angewandten Ethik. Oft weisen sie auf wichtige Probleme hin, und manchmal sind sie so stark, dass die Diskussion einer Idee praktisch wenig Sinn hat. Man sollte sich aber stets bewusst sein, dass es sich bei empirischen Einwänden um Probleme handelt, die prinzipiell lösbar sind.

Sich schon zu Beginn der Diskussion einer ethischen Idee stark mit empirischen Einwände zu beschäftigen oder allgemein in ethischen Diskussionen die normative Ebene nicht strikt von der empirischen Ebene zu trennen, birgt drei primäre Gefahren:

1) Menschen neigen dazu, zu selbstsicher zu sein. Die Welt ist komplex und in vielen Fällen sind wir auf Fachwissen angewiesen, um zu beurteilen, welche empirischen Probleme sich in welchem Ausmaß stellen könnten, wenn ein bestimmtes ethisches bzw. politisches Ziel erreicht werden soll.

Selbst wenn man Zweifel an der praktischen Umsetzbarkeit einer Handlung hat: Wenn die normativen Argumente überzeugend sind, sollte man sich dafür aussprechen, dass Experten/innen potenzielle empirische Probleme genauer untersuchen. Dies gilt zumindest, wenn der mögliche Ertrag der Handlung, d. h. die mögliche Realisation des Ziels, den Aufwand wert ist. Auf das Beispiel oben angewendet: Wenn wir durch die Embryonenselektion die durchschnittliche Lebensqualität möglicherweise massiv erhöhen können, wäre es eventuell angebracht, viele Ressourcen in die Erforschung der indirekten sozialen Konsequenzen einer solchen Intervention zu stecken.

Das beste Argument gegen empirische Einwände ist oft, dass man die Einwände besser studieren sollte. Entweder könnte man eine Änderung mit ungewissen Konsequenzen vorerst nur graduell einführen, um mögliche negative Folgen einer großflächigeren Umsetzung besser einschätzen zu können. Oder man könnte nach Möglichkeiten suchen, die sie verhindern oder mildern.

2) Was heute empirisch unmöglich ist, muss nicht für immer unmöglich bleiben.

Wir befinden uns in einer Zeit exponentiellen technologischen Wachstums. Was heute noch nach Science-Fiction klingt, könnte in einem Jahrzehnt schon Realität sein. Wer aus empirischen Gründen eine Intervention oder ein bestimmtes Ziel ablehnt, und sich dabei aber nicht klar bewusst ist, dass das Ziel eigentlich normativ erstrebenswert ist, könnte es verpassen, jetzt Schritte in die Wege zu leiten, die nötig sind, damit das Ziel erreicht werden kann, wenn die empirischen Probleme in Zukunft gelöst werden.

Bei gewissen Fragen – wie etwa den Chancen und Risiken der künstlichen Intelligenz – steht enorm viel auf dem Spiel. Es könnte deshalb fatal sein, aufgrund eines kurzsichtigen Fokus auf scheinbar unlösbare empirische Probleme ein enorm wichtiges Ziel aufzugeben.

3) Empirische Scheinargumente können verschleiern, dass wir eine bestimmte Handlung eigentlich nur aus einem Bauchgefühl heraus ablehnen, ohne dafür gut durchdachte Gründe zu haben.

Aus evolutionären und kulturellen Gründen haben Menschen zu bestimmten Themen starke moralische Intuitionen. Es macht deshalb Sinn, moralische Bauchgefühle kritisch zu hinterfragen.

In einem Experiment wurde Versuchspersonen ein Text vorgelegt, in dem ein Inzestfall beschrieben wurde. Im Text wurde unmissverständlich festgehalten, dass niemand jemals davon erfährt, dass die zwei Beteiligten nur einmal miteinander Sex hatten, dass doppelt verhütet wurde, und dass niemand dabei negative Gefühle hatte noch in Zukunft haben wird.

Die Versuchspersonen wurden gefragt, ob sie die Handlung für moralisch akzeptabel halten. Viele antworteten mit einem klaren Nein. Als sie ihre Antwort begründen sollten, gaben einige zuerst empirische Einwände an, die im Text explizit ausgeschlossen wurden! Als sie darauf hingewiesen wurden, sagten sie schließlich Dinge wie „Ich kann es nicht erklären, aber ich weiß einfach, dass es falsch ist.“ Der Psychologe Jonathan Haidt nannte dieses Phänomen moralische Sprachlosigkeit („moral dumbfounding“). Die Leute lassen sich bei der Beurteilung moralischer Fragen von starken Bauchgefühlen leiten und versuchen sie ex post durch empirische Gründe zu rechtfertigen, die dann – wenig erstaunlich – oft falsch sind.

Da wohl nicht viele Leute inzestuöse Bedürfnisse haben (die niemanden schädigen), wirken sich intuitive Fehlurteile hier nicht sehr schlimm aus. Bei vielen (bio)ethischen Fragen steht hingegen viel auf dem Spiel (Abtreibung, Fortpflanzungstechnologien, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Stammzellenforschung etc.).

Wenn man zuerst nach normativen Einwänden sucht, verringert man die Wahrscheinlichkeit, aus intuitiven Gründen Positionen zu verteidigen, die man rational nicht begründen kann. Gewisse Fragen sind zu wichtig dafür, als dass wir sie ohne genaueres Nachdenken kategorisch ablehnen sollten.

Fassen wir zusammen: Um ethisch-politische Fragestellungen überlegt anzugehen, empfiehlt es sich so vorzugehen:

  1. Ist das vorgeschlagene Ziel prinzipiell erstrebenswert? (Hier helfen Gedankenexperimente.)
  2. Falls es prinzipiell erstrebenswert ist: Lassen sich mögliche negative Folgen verhindern oder abschwächen und falls ja, wie? Ist weitere empirische Forschung erforderlich, um Probleme bei der Umsetzbarkeit abzuklären?

Quellen

  1. Haidt, J., Koller, H. & Dias, M.G. (1993). Affect, culture, and morality, or Is it wrong to eat your dog? Journal of Personality and Social Psychology, 65, 613-628. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8229648
  2. Haidt, J. (2001). The emotional dog and its rational tail: A social intuitionist approach to moral judgment. Psychological Review, 108, 813-834. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11699120

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