Das Happier Lives Institute (HLI) ist ein 2019 gegründetes Forschungsinstitut, das die Wirkung von Hilfsorganisationen und politischen Maßnahmen auf das subjektive Wohlbefinden der Betroffenen evaluiert. Das HLI forscht auch an theoretischen Aspekten von Glück bzw. Wohlbefinden und deren Messbarkeit. Dies ist eine editierte Version des vom HLI veröffentlichten Einführungstextes, der einen Überblick über seine Arbeit, das Feld der Wohlbefindensforschung und deren Wichtigkeit für Effektive Altruist:innen bietet. Es ist sehr wichtig zu betonen, dass das Feld der Wohlbefindensforschung noch in den Kinderschuhen steckt und es berechtigte Bedenken darüber gibt, ob aktuelle Methoden zur Kosten-Nutzen-Abwägung herangezogen werden können und sollen. An mehreren Stellen werden kritische Artikel verlinkt (leider meist nur auf englisch verfügbar). Dennoch können Erkenntnisse auf dem Feld wichtige Implikationen für Effektive Altruist:innen haben.
Nehmen wir an, du willst mit den dir zur Verfügung stehenden Mitteln so viel Gutes wie möglich tun. Betrachten wir dafür die folgenden Optionen.
Für etwa 6.000 Euro könntest du:
- erwarten, ein Kind vor dem Tod zu bewahren, indem du 1.200 Moskitonetze gegen Malaria bereitstellst;
- 5 Familien, die in extremer Armut leben, einen Bargeldtransfer von 1.000 Euro zukommen lassen; oder
- die Depressionen von 35 Menschen durch eine Gruppenpsychotherapie behandeln.
Welche Option wird am meisten Gutes bewirken?
Das ist eine schwierige Frage — wie um alles in der Welt können wir die Rettung von Menschenleben, die Verringerung von Armut und die Behandlung psychischer Erkrankungen miteinander vergleichen?
Wir vom Happier Lives Institute sind der Meinung, dass sich diese Frage am ehesten beantworten lässt, indem man die Auswirkungen auf das subjektive Wohlbefinden der Menschen vergleicht (Selbsteinschätzungen von Glück und Lebenszufriedenheit). Darüber hinaus führt dieser Ansatz zu einigen überraschenden Ergebnissen.
In den folgenden Abschnitten werden die grundlegenden Ideen und Leitprinzipien vorgestellt, die unseren Ansatz bestimmen. Im gesamten Text findest du zahlreiche Links zu unserer wachsenden Liste von Forschungsberichten sowie zu der wissenschaftlichen Literatur, auf die wir uns stützen. Wir beginnen mit einem Überblick, bevor wir auf die einzelnen Ideen näher eingehen.
Überblick
Wir sind der Ansicht, dass Wohlbefinden das Gefühl meint, mit dem Menschen ihr Leben im Moment oder rückblickend beschreiben, d. h. wie glücklich oder zufrieden sie sind. Wenn wir davon sprechen, Gutes zu tun, haben die meisten von uns eigentlich im Sinn, das Wohlbefinden von Menschen zu steigern. Aber was ist „Wohlbefinden“? Wir glauben, dass es das subjektive Wohlbefinden der Menschen ist, um das wir uns wirklich kümmern sollten. Gesundheit und Wohlstand sind nicht an sich wichtig, sondern nur, weil sie unser subjektives Wohlbefinden steigern. Selbst wenn du denkst, dass Glück oder Lebenszufriedenheit nicht die einzigen Dinge sind, die zählen, werden sie dir wahrscheinlich doch zu einem gewissen Grad am Herzen liegen.
Subjektives Wohlbefinden kann auf wissenschaftlich gültige und zuverlässige Weise durch Selbstauskünfte gemessen werden. Sozialwissenschaftler führen seit den 1960er Jahren groß angelegte Bevölkerungsumfragen durch. Eine typische Frage lautet: „Wie zufrieden bist du gegenwärtig insgesamt mit deinem Leben? (0-10)” Manche Menschen sind sehr skeptisch, wenn es darum geht, Gefühle in Zahlen zu fassen, aber wir glauben nicht, dass ihre Einwände ernsthaft genug sind, um Glückserhebungen aufzugeben. Wenn wir wissen wollen, wie die Leben von Menschen verl, dann müssen wir sie fragen.
Die Messung und Steigerung des Glücks der Gesellschaft als Ganzes ist eine sehr alte Idee, die kurzzeitig aufgegeben wurde und nun wieder auflebt. Viele antike Philosophen und Aufklärer verstanden Glück als Ziel des Lebens. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts führte der Aufstieg des Behaviorismus unter Ökonom:innen und Psycholog:innen zu Skepsis darüber, ob wir Gefühle messen können oder sollten. Man begann stattdessen, vermeintlich objektive Maßstäbe für den sozialen Fortschritt zu verwenden, etwa das BIP. In den letzten Jahren haben auf Wohlbefinden fokussierte Ansätze unter Forschenden, politischen Entscheidungsträger:innen und der Zivilgesellschaft wieder an Bedeutung gewonnen.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit haben wir die Chance, die besten Wege zur Verbesserung des globalen Glücks wissenschaftlich sauber zu ermitteln. Dank der in den letzten Jahrzehnten rasant gestiegenen Menge an Forschung zum Thema Wohlbefinden haben wir heute eine viel bessere Vorstellung von den Faktoren, die den größten Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden haben. Allerdings hat diese Arbeit gerade erst begonnen, und wir denken nicht, dass man schon mit Gewissheit sagen kann, was die wichtigsten Prioritäten sind.
Derzeitige globale Prioritäten könnten sich erheblich ändern, wenn wir einen an subjektivem Wohlbefinden orientierten Ansatz verfolgen. Natürlich haben sich politische Entscheidungsträger:innen und Philanthrop:innen bereits viele Gedanken darüber gemacht, wie sie ihre Ressourcen am besten zur Verbesserung von Menschenleben einsetzen können. Haben wir letztlich nicht schon oft Entscheidungen mit Blick auf das Glück und die Lebenszufriedenheit von Menschen getroffen, auch wenn wir diese Dinge nicht direkt gemessen haben? Leider zeigt die psychologische Forschung, dass wir vorhersehbare Fehler machen, wenn wir darüber nachdenken, was uns und andere glücklich macht. Um es kurz vereinfacht zusammenzufassen: Wir legen zu viel Wert auf die Dinge, die wir objektiv sehen können, wie Wohlstand und körperliche Gesundheit, und übersehen das emotionale und soziale Leben der Menschen.
Das Happier Lives Institute wurde 2019 gegründet, um die kosteneffizientesten Wege zu finden, Menschen glücklicher zu machen. Derzeit konzentrieren wir uns darauf, Möglichkeiten mit großer Wirkung in Ländern mit niedrigem Einkommen ausfindig zu machen, da wir davon ausgehen, dass Geld dort am meisten bewirkt. Unsere bisher gründlichste Evaluierung befasst sich mit der Kosteneffizienz der Bereitstellung von Psychotherapie für Menschen mit Depressionen im Vergleich zur Bereitstellung von Bargeldtransfers in Höhe von 1.000 US-Dollar für sehr arme Familien. Wir schätzen, dass Psychotherapie neunmal kosteneffizienter ist — die ermittelte Wirkung der Therapie erweist sich als etwas stärker und sie ist dabei viel günstiger in der Bereitstellung. Dies stellt das bisherige Denken darüber in Frage, wie man am meisten Gutes tun kann, und legt nahe, dass die Behandlung psychischer Erkrankungeneine höhere Priorität haben sollte.
Es bedarf weiterer Forschung, um herauszufinden, wo die Prioritäten liegen sollten. Mentale Gesundheit könnte sich als das dringendste globale Problem erweisen, aber es ist möglich, dass wir noch andere, wichtigere Probleme finden. In naher Zukunft planen wir, eine breite Palette von Maßnahmen zu evaluieren, darunter Entwurmungsprogramme, Operationen von Grauem Star, Bleiregulierung, Einwanderungspolitik und erleichterter Zugang zu Schmerzmitteln (in vielen Ländern ist der Einsatz von Schmerzmitteln verpönt oder der Zugang erschwert, sodass auch schwere Eingriffe ohne Betäubung erfolgen). Es gibt auch einige heikle philosophische Fragen im Zusammenhang mit der Natur und Messung von Wohlbefinden, über die weiter nachgedacht werden muss, z. B. wie man die Rettung von Leben mit der Verbesserung von Leben vergleichen kann.
Unsere Vision ist eine Welt, in der alle Menschen ihr glücklichstes Leben führen. Wir wünschen uns eine Welt, in der Regierungen und Philanthrop:innen ihre Entscheidungen zumindest teilweise auf der Grundlage der besten Wohlbefindensforschung treffen. Wenn du der Meinung bist, dass Menschen glücklicher zu machen eine gute Idee ist, dann ermutigen wir dich, deinen Beitrag zu leisten. Am Ende dieses Artikels findest du Ratschläge für Spender:innen, Forschende, Unternehmer:innen, Interessenvertreter:innen und politische Entscheidungsträger:innen.
1 Warum ist subjektives Wohlbefinden wichtig?
Die Behauptung, dass subjektives Wohlbefinden eine moralische Bedeutung hat, scheint keiner Verteidigung zu bedürfen. Nichtsdestotrotz wollen wir diese Ideen in ihren vollen theoretischen Kontext stellen. In diesem Abschnitt erklären wir, was Wohlbefinden ist, fassen die drei philosophischen Theorien des Wohlbefindens zusammen und stellen die drei Messgrößen des subjektiven Wohlbefindens vor, die sich jeweils auf eine dieser Theorien beziehen.
1.1 Die drei Theorien des Wohlbefindens
In der Philosophie bezieht sich der Begriff des Wohlbefindens auf das, was für jemanden intrinsisch (das heißt: nicht-instrumentell) gut ist. Instrumentelle Güter wie Geld sind nur als Mittel zu etwas anderem wertvoll, wohingegen Wohlbefinden das ist, was das Leben eines Menschen gut macht. Zu verstehen, was ein Leben gut verlaufen lässt, ist von offensichtlichem Wert: Jede plausible ethische Auffassung geht davon aus, dass Wohlbefinden prinzipiell wichtig ist, und in der Praxis bemühen wir uns sehr, das Wohlbefinden von uns selbst und anderen zu verbessern. Die Theorien des Wohlbefindens werden im Allgemeinen in drei Familien unterteilt: Hedonismus, Wunscherfüllung und die objektive Liste. Die folgenden Abschnitte enthalten kurze Zusammenfassungen der einzelnen Theorien.
Erfahre mehr über die Philosophie des Wohlbefindens
Hedonismus
Hedonist:innen meinen, dass Wohlergehen in einer insgesamt positiven Balance von Freude und Schmerz besteht. In anderen Worten: Gut für dich ist, was sich für dich gut anfühlt. Es scheint unplausibel, dass etwas, was du nicht direkt erlebt hast, dein Wohlergehen beeinflussen kann. Wenn du die Auswirkungen nie spürst, wie kann es dann dein Leben beeinflussen?
Der bekannteste Einwand gegen den Hedonismus ist die „Erfahrungsmaschine“ (Nozick, 1974). Stelle dir vor, du hättest die Möglichkeit, den Rest deines Lebens in einer virtuellen Realität zu verbringen, die jede Erfahrung simulieren kann. Einmal angeschlossen, könntest du dich jeder beliebigen angenehmen oder glücklichen Erfahrungen hingeben, ohne dir jemals zu wünschen oder auch nur zu wissen, dass du die echte Welt verlassen hast. Hedonisten denken, dass sich das Leben durch das Anschließen an die Erfahrungsmaschinemaschine verbessern würde. Viele Menschen würden es jedoch ablehnen, die reale Welt für eine simulierte Existenz zu verlassen, wie angenehm sie auch sein mag. Das liegt oft daran, dass sie sich wünschen, Dinge in der „echten“ Welt zu tun, und die bloße Erfahrung, sie (scheinbar) zu tun, kein Ersatz dafür ist, sie auch tatsächlich zu tun. Dies führt uns zu der zweiten Familie von Theorien.
Wunscherfüllung
Theorien der Wunscherfüllung (oder Präferenzbefriedigung) besagen, dass die Erfüllung der Wünsche einer Person dafür sorgt, dass ihr Leben gut verläuft. Es geht nicht um das Gefühl oder die Erfahrung, dass ein Wunsch erfüllt wird, sondern darum, dass der Wunsch tatsächlich erfüllt wird. Du willst den Everest tatsächlich besteigen und nicht nur glauben, dass du es geschafft hast. Wolltest du nur das Gefühl der Befriedigung haben, wärst auch du für den Einwand der Erfahrungsmaschine anfällig.
Ein allgemeiner Einwand gegen diese Familie von Theorien lautet, dass die Objekte der Begierde (Freundschaft, Erfolg, Glück usw.) nicht wertvoll sind, weil sie begehrt werden. Stattdessen werden sie begehrt, weil sie wertvoll sind, und daher haben die Wunscherfüllungstheorien die Erklärung falsch herum gedreht. Plant (2020) stellt fest, dass Theorien der Wunscherfüllung auch anfällig für „automatische Maximierung“ sind. Das bedeutet, dass du dein Leben verbessern kannst, indem du einfach Wünsche wählst, die trivialerweise leicht zu erfüllen sind. Wenn dein einziger Wunsch z. B. darin besteht, dass Paris die Hauptstadt Frankreichs ist, dann läuft dein Leben allein dadurch gut. Es scheint auch keinen Weg zu geben, diese Theorie auf Tiere anzuwenden, die keine Wünsche haben oder äußern können, obwohl wir annehmen, dass das Konzept von Wohlbefinden auf z. B. Hunde anwendbar ist.
Erfahre mehr: Eine Kritik der Theorien des Wohlbefindens
Objektive Listen
Objektive Listen-Theorien besagen, dass es einige Dinge gibt, die dein Leben verbessern, die unter Umständen aber weder zu hedonistischem Genuss, noch zur Erfüllung konkreter Wünsche führen. Zu den klassischen Punkten auf solchen Listen gehören Erfolg, Freundschaft, Wissen, tugendhaftes Verhalten und Gesundheit. Solche Dinge sind „objektiv“ in dem Sinne, dass sie sich auf Tatsachen beziehen, die außerhalb der bewussten Erfahrung einer Person und/oder ihrer Wünsche liegen.
Die Befürworter der objektiven Listen-Theorien könnten die beiden vorangegangenen Theorien als naiv vereinfachend ablehnen — das Wohlbefinden kann nicht auf ein einziges Element reduziert werden, das Leben ist viel komplizierter als das. Doch der Pluralismus, der davon ausgeht, dass das Wohlbefinden aus mehr als einem Element besteht, hat seine eigenen Probleme. Wenn die Elemente ein charakteristisches Merkmal gemeinsam haben, solltest du die Liste durch dieses eine Merkmal ersetzen. Wenn nicht, wie sollst du dann zwischen den verschiedenen Punkten auf der Liste abwägen?
1.2 Die Relevanz subjektiven Wohlergehens
Egal, welche Theorie du für wahr hältst, Glück und Lebenszufriedenheit spielen in jedem Fall eine Rolle. Für Hedonist:innen ist Glück alles, was zählt. Bei den Theorien der Wunscherfüllung ist die Lebenszufriedenheit — also wie dein Leben verläuft im Vergleich zu dem, was du dir wünschst — von zentraler Bedeutung, und Glück ist wichtig, weil es etwas ist, das wir uns wünschen. Wenn du die objektiven Listen bevorzugst, wäre es seltsam, wenn weder Glück noch Lebenszufriedenheit aufgeführt wären. Daher ist die Behauptung, dass subjektives Wohlbefinden etwas ist, das uns am Herzen liegt, nicht besonders umstritten. Die umstrittenere These, auf die wir später noch zu sprechen kommen, ist die, dass wir psychologische Zustände anhand von Selbstaussagen auf wissenschaftlich gültige und zuverlässige Weise messen können.
Auch wenn du zustimmst, dass subjektives Wohlbefinden wichtig ist, bleiben immer noch Fragen darüber, welche Theorie des Wohlbefindens korrekt ist, und die Bestimmung des Ausmaßes der Unstimmigkeiten zwischen diesen Theorien in der Praxis ist eine weitere empirische Herausforderung. Die gute Nachricht ist, dass die Ungewissheit über die richtige Theorie des Wohlergehens uns nicht daran hindert, zu einem gewissen Verständnis darüber zu gelangen, wie Wohlbefinden in der Praxis verbessert werden kann. Das liegt daran, dass die drei Theorien des Wohlbefindens häufig in den Dingen übereinstimmen, die zum Wohlbefinden führen: Die Person, die glücklich, erfolgreich, weise und geliebt ist, wird nach allen plausiblen Theorien ein hohes Wohlbefinden genießen. Dennoch bleibt die Frage offen, inwieweit die verschiedenen Theorien des Wohlbefindens unterschiedliche Prioritäten für die Praxis nahelegen, was weitere Forschung erfordert.
1.3 Die Messung subjektiven Wohlbefindens
Subjektives Wohlbefinden (SWB) ist ein Oberbegriff für Selbstbewertungen von Gedanken und Gefühlen über das Leben, die in drei Hauptkategorien fallen: hedonisch, kognitiv und eudaimonisch. SWB und Glück werden oft synonym verwendet, aber SWB ist ein breiteres Konzept, das sowohl allgemeine Bewertungen des Lebens als auch momentane Glückserfahrungen umfasst. In den folgenden Abschnitten werden wir jede dieser drei Kategorien genauer beschreiben und erläutern, wie sie gemessen werden. Die Diskussion darüber, warum wir glauben, dass solche Messungen wissenschaftlich valide sind, folgt in Abschnitt 2.
Hedonische Maße (Affekt)
Alle Empfindungen können auf einer einzigen Skala der „Annehmlichkeit“ eingeordnet werden, und wir definieren Glück als eine Nettobilanz von angenehmen gegenüber unangenehmen Erfahrungen. Bei Verwendung hedonischer Maße sind die beiden einzigen Komponenten des Glücks die Intensität (wie angenehm/unangenehm sich etwas anfühlt) und die Dauer (wie lange die Empfindung anhält). Hedonische Maße werden manchmal in positiven Affekt und negativen Affekt unterteilt, die jeweils separat gemessen werden können und unterschiedliche Determinanten haben. Ersterer bezieht sich auf angenehme Emotionen wie Freude, Zufriedenheit und Hochgefühl, letzterer auf unangenehme Emotionen wie Trauer, Furcht und Angst.
Affektdaten werden in der Regel mit Fragebögen auf der Grundlage der PANAS– und SPANE-Skalen erhoben. Eine weitere Messmethode ist die Tagesrekonstruktionsmethode, bei der die Teilnehmer ihren vergangenen Tag in Episoden unterteilen (wie Szenen in einem Film) und für jede Episode angeben, was sie getan haben, wie sie sich fühlten und mit wem sie zusammen waren. Eine genauere, aber weniger gebräuchliche Messung ist die ESM-Methode (Experience Sampling Method, zu deutsch Erfahrungsproben-Methode), bei der die Teilnehmenden ein oder mehrere Male am Tag aufgefordert werden, aufzuzeichnen, wie sie sich in diesem bestimmten Moment fühlen. Die ESM-Methode ist zwar kostspielig in der Durchführung, vermeidet aber das Problem, die Teilnehmer bitten zu müssen, sich an ihren Gemütszustand zu erinnern. Dies ist ein großer Vorteil, wenn man bedenkt, wie fehleranfällig unser Gedächtnis sein kann.
Kognitive Maße (Lebenszufriedenheit)
Kognitive Maße des Wohlbefindens basieren auf der Auffassung, dass Glück darin besteht, eine positive Einstellung zum eigenen Leben als Ganzes zu haben. Die Lebenszufriedenheit wird in der Regel durch die Frage „Wie zufrieden bist du aktuell mit deinem Leben?“ auf einer Skala von 0 („überhaupt nicht“) bis 10 („vollkommen“) ermittelt. Der Großteil der SWB-Literatur hat sich bisher auf die Messung der Lebenszufriedenheit konzentriert.
Der Hauptgrund ist die Praktikabilität. Es ist viel einfacher, Daten über Lebensbewertungen zu erheben als über Erfahrungen. Die Teilnehmenden beantworten Fragen zur Lebenszufriedenheit in der Regel in weniger als 30 Sekunden, und sie können problemlos in bestehende Bevölkerungsumfragen aufgenommen werden. Im Vergleich dazu erfordern der ESM und die Tagesrekonstruktionsmethode mehr Arbeit von den Befragten; der ESM ist aufdringlich, und die Tagesrekonstruktionsmethode nimmt etwa 40 Minuten in Anspruch. Die Affektdaten aus den PANAS- und SPANE-Fragebögen sind stark mit der Lebenszufriedenheit korreliert, während die Korrelation bei Daten, die mit den ESM- oder Tagesrekonstruktionsmethoden erhoben wurden, schwächer ist.
Erfahre mehr: eine Kritik an Maßen der Lebenszufriedenheit
Eudaimonische Maße (Tugend und Sinn)
Eudaimonische Maße versuchen, Eigenschaften wie Tugend, Charakter und Weisheit sowie Konzepte im Zusammenhang mit der Erfüllung unseres Potenzials wie Sinn, Zweck und Wohlbefinden zu quantifizieren. Eudaimonische Maße werden häufig als Kernbestandteil des SWB angesehen, insbesondere im Bereich der positiven Psychologie. Es ist jedoch unklar, ob Messgrößen für den Lebenssinn wirklich Messgrößen für das Wohlbefinden sind, und es wurden bisher nur wenige Daten dazu erhoben.
2 Können wir uns auf Wohlbefindensmaße verlassen?
Vielleicht stehst du der Behauptung, dass wir subjektive Konzepte wie Glück messen können, skeptisch gegenüber. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Forschung zum subjektiven Wohlbefinden jedoch explosionsartig entwickelt, da Sozialwissenschaftler:innen und politische Entscheidungsträger:innen immer mehr Vertrauen in die Gültigkeit dieser Messmethoden gewinnen. Dieser Abschnitt enthält eine Reihe von Belegen, die hoffentlich dazu beitragen, deine Bedenken zu zerstreuen.
Bevor wir beginnen, wollen wir zwei Schlüsselbegriffe einführen: Zuverlässigkeit und Gültigkeit. Eine Messmethode ist zuverlässig, wenn sie jedes Mal die gleichen Ergebnisse liefert (vorausgesetzt, der Gegenstand der Messung hat sich nicht verändert). Eine Messmethode, die jedes Mal ein zufälliges Ergebnis liefert, würde rein gar nichts messen. Eine Messmethode ist gültig, wenn sie das zugrunde liegende Phänomen erfasst, das sie erfassen sollte. Erörtern wir die einzelnen Konzepte nacheinander.
Erfahre mehr über die Messung von Wohlbefinden
2.1 Zuverlässigkeit
Es wurde eine Reihe von statistischen Tests durchgeführt, um die Zuverlässigkeit von Messungen subjektiven Wohlergehens zu bestätigen. Wir zitieren hier aus den OECD-Leitlinien zur Messung subjektiven Wohlbefindens (2013).
Zu hedonischen Maßen:
„Diener et al. (2009) berichten, dass die Subskalen der positiven, negativen und affektiven Balance ihrer ‚Skala der positiven und negativen Erfahrungen‘ Alphas von 0,84, 0,88 und 0,88 aufweisen. Krueger und Schkade (2008) berichten von Test-Retest-Korrelationen von 0,5 und 0,7 für eine Reihe verschiedener Affektmessungen über einen Zeitraum von zwei Wochen.“
Zu kognitiven Maßen:
„Test-Retest-Ergebnisse für eine Ein-Item-Messmethode zur Lebensbewertung ergeben üblicherweise Korrelationen zwischen 0,5 und 0,7 für einen Zeitraum von einem Tag bis zwei Wochen (Krueger und Schkade, 2008). Michalos und Kahlke (2010) berichten, dass eine Ein-Item-Messmethode der Lebenszufriedenheit eine Korrelation von 0,65 für einen Einjahreszeitraum und 0,65 für einen Zweijahreszeitraum aufwies.“
2.2 Gültigkeit
Messungen subjektiven Wohlbefindens wurden zudem einer Reihe von Gültigkeitstests unterzogen. Der wichtigste Test ist die Konstruktgültigkeit — ob die Messmethode in der Welt das tut, was die Theorie vorhersagt. Sozialer Kontakt, Entspannung und Essen werden mit einem höheren Maß an positivem Affekt in Verbindung gebracht, während Pendeln, Arbeit und Hausarbeit mit einem niedrigen Maß an positivem Affekt verbunden sind (Kahneman et al., 2009). Höhere Einkommen werden weltweit mit einer höheren Lebenszufriedenheit und einem höheren Affekt (bis zu einem gewissen Grad) in Verbindung gebracht, sowohl auf individueller als auch auf Länderebene (Stevenson & Wolfers, 2013). Stabile, wohlhabende, gut regierte Länder erzielen hohe Werte bei der durchschnittlichen Lebenszufriedenheit (Finnland, Dänemark und Norwegen erreichen im Durchschnitt etwa 7,5/10). Auf der anderen Seite schneiden Länder, in denen Krieg herrscht und die ein geringes Einkommen haben, schlecht ab: Südsudan, die Zentralafrikanische Republik und Afghanistan erreichen im Durchschnitt etwa 3/10 (World Happiness Report, 2021).
Für eine Kritik an dieser Methodik zur Validierung, klicke hier.

2.3 Abweichungen
Hedonische und evaluative Maße beziehen sich auf unterschiedliche Aspekte des Wohlbefindens, daher sollten wir nicht erwarten, dass sie immer die gleichen Ergebnisse liefern. Deaton und Stone (2013) fanden beispielsweise heraus, dass Affektmaße mit den Wochentagen variieren, sich mit dem Alter verbessern und nur bis zu einem gewissen Punkt auf das Einkommen reagieren, während evaluative Maße mit dem Einkommen korrelieren (selbst bei hohen Einkommensniveaus), oft U-förmig in Bezug auf das Alter sind und nicht über die Wochentage variieren. Für praktische Zwecke jedoch passen Affekt- und Lebenszufriedenheitsmaße im Allgemeinen so zusammen, dass wir Letztere mit Ersteren substituieren können. Dennoch ist eine gewisse Vorsicht geboten, da sich die Maße darin unterscheiden, inwieweit verschiedene Dinge von Bedeutung sind und manchmal auch darin, ob diese Dinge positiv oder negativ sind.
2.4 Kardinalität
Ein seit langem bestehendes Problem bei der Messung des subjektiven Wohlbefindens ist die Frage, ob die Zahlen für verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten das Gleiche bedeuten (Ferrer-i-Carbonell & Frijters, 2004). Wenn beispielsweise zwei Personen sagen, sie seien 5/10 glücklich, können wir dann davon ausgehen, dass sie genauso glücklich sind wie die jeweils andere Person? Technisch gesehen geht es um die Frage, ob subjektive Skalen kardinal vergleichbar sind — stellt eine Veränderung um einen Punkt an allen Stellen der Skala die gleiche Größenänderung dar? Wenn die Skalen nur ordinal sind (die Zahlen stellen eine Rangfolge dar, enthalten aber keine Informationen über die relativen Größen der Unterschiede), ist es nicht möglich, subjektive Skalen zu verwenden, um die besten Wege zur Steigerung des globalen Wohlbefindens zu ermitteln.
Die folgende Abbildung stammt aus einer Umfrage von YouGov aus dem Jahr 2018, bei der Menschen gebeten wurden, verschiedene Wörter auf einer Skala von 0 bis 10 von sehr negativ bis sehr positiv zu bewerten. Die Ergebnisse zeigen, dass die Menschen dazu neigen, positive und negative Wörter auf sehr ähnliche Weise zu bewerten, was unser Vertrauen in die Fähigkeit der Menschen stärken sollte, ihren subjektiven Gefühlen auf sinnvolle und konsistente Weise Zahlen zuzuordnen.

Erfahre mehr zur Kardinalität subjektiver Wohlbefindensskalen
2.5 Andere Einwände
Auch wenn die Messmethoden des subjektiven Wohlbefindens im Allgemeinen gut sind, heißt das nicht, dass sie fehlerfrei sind. Aber die Tatsache, dass es einige Messprobleme gibt, reicht nicht aus, um sie für ungültig zu erklären. Wenn deine Badezimmerwaage ein unplausibles Ergebnis anzeigt, würdest du daraus nicht schließen, dass die Gewichtsmessung unmöglich ist. Studien, in denen festgestellt wurde, dass scheinbar irrelevante Faktoren die Selbsteinschätzung des Wohlbefindens beeinflussen können, wurde viel Beachtung geschenkt. Z. B. das Finden einer Münze oder die Frage nach dem Liebesleben oder der Politik, kurz bevor du dein Ergebnis angibst. Die Auswirkungen solcher Faktoren sind jedoch relativ begrenzt und werden von der breiteren Literatur nicht bestätigt. Diener et al. (2013) kommen zu dem Ergebnis, dass 60-80 % der Schwankungen in der Lebenszufriedenheit mit langfristigen Faktoren und der Rest mit anlassbezogenen Problemen und Messfehlern zusammenhängen. Wenn große Populationen befragt werden, werden Zufallsfehler ausgewaschen, und solche Probleme können auch durch ein sorgfältiges Erhebungsdesign minimiert werden.
3. Was sind die Probleme aktueller Messmethoden?
Wenn die Messung subjektiven Wohlbefindens erst in den letzten Jahrzehnten in Gebrauch gekommen ist, wie haben Forschende und politische Entscheidungsträgerinnen dann den Fortschritt bis jetzt gemessen? Wenn kein direktes Maß verfügbar ist, kann stattdessen ein solches „Stellvertreter-Maß“ verwendet werden, das man für einen geeigneten Ersatz hält. Es ist üblich, Einkommenskennzahlen (z. B. das BIP pro Kopf) oder Gesundheitskennzahlen (z. B. qualitätsbereinigte Lebensjahre) als Ersatz für das Wohlbefinden zu verwenden, aber diese leiden unter einer Reihe von Problemen, die wir in den folgenden Abschnitten näher erläutern.
3.1 Affektive Voraussagen
Psychologen verwenden den Ausdruck „Fehler bei der affektiven Vorhersage“, um unsere Fehler bei der Voraussage von Gefühlen in der Zukunft zu beschreiben (Gilbert & Wilson, 2007; Wilson & Gilbert, 2005; Wilson & Gilbert, 2003). Wir unterschätzen das Leiden, das durch Probleme verursacht wird, die einer hedonischen Anpassung widerstehen (Greene, Sturm, & Evelo, 2016), oder auch durch Erfahrungen, bei denen es schwierig ist, sich in die Lage anderer zu versetzen (Igou, 2008). Unsere mentalen Simulationen machen diese Fehler, weil sie egozentrisch sind, den Kontext vernachlässigen und Zeit schlecht darstellen. Psychische Erkrankungen und chronische Schmerzen sind zwei der größten Probleme, die auf diese Weise unterbewertet werden (Birkjær, Kaats, & Rubio, 2020; Graham, Higuera, & Lora, 2011). Ein Verständnis der „Erwartungs-Realitäts-Lücke“, d. h. der Kluft zwischen dem, was Menschen glücklich macht und dem, was sie vermeintlich glücklich macht, kann uns helfen, globale Prioritäten effektiver zu ermitteln und zu bewerten. Wie du in der nachstehenden Grafik aus Our World in Data siehst, glauben die Menschen in einer Reihe von Kulturen fälschlicherweise, Andere seien weniger glücklich, als sie es tatsächlich sind.

Erfahre mehr über affektive Voraussagen
3.2 Moralische Gewichtungen
Wie wir in der Einleitung gesehen haben, ergibt sich ein schwieriges Problem, wenn du vor der Wahl zwischen zwei (oder mehr) verschiedenen Methoden zur Steigerung des Wohlbefindens stehst. Wie stark sollten wir die Rettung eines Lebens im Vergleich zur Erhöhung des Einkommens oder der Behandlung einer Depression moralisch gewichten? Viele halten es für verkürzt, das Wohlbefinden auf ein einziges Maß zu reduzieren, und kombinieren daher Messgrößen für Einkommen, Lebenserwartung, Bildung und viele andere Dinge zu einem mehrdimensionalen Index. Allerdings muss jeder Punkt auf der Liste angemessen gewichtet werden, was bedeutet, dass man sich immer noch mit schwierigen Tradeoff-Fragen auseinandersetzen muss. Es gibt jedoch eine Lösung für dieses Problem. Durch die Messung des subjektiven Wohlbefindens können wir die Auswirkungen verschiedener Maßnahmen auf das Wohlbefinden der Empfänger direkt vergleichen, anstatt nur informierte Vermutungen über ihre relative Wirkung anzustellen.
3.3 BIP und das Easterlin-Paradoxon
Das BIP ist seit den 1950er Jahren ein gängiges Maß für den nationalen Fortschritt. Das Easterlin-Paradoxon (Easterlin, 1974) zeigt jedoch auf, dass die durchschnittliche Lebenszufriedenheit in Industrieländern in den letzten Jahrzehnten trotz eines kontinuierlichen Anstiegs des Pro-Kopf-BIP weitgehend gleich geblieben ist. Dies wird in den nachstehenden Diagrammen deutlich, in denen die Lebenszufriedenheit (die weißen Punkte) gegen das Pro-Kopf-BIP (die rote Linie) in vier Ländern mit hohem Einkommen über die letzten Jahrzehnte abgetragen ist.

Dieser Befund steht in direktem Widerspruch zu den Belegen dafür, dass reiche Länder zufriedener sind als ärmere Länder und dass reiche Menschen innerhalb der Länder zufriedener sind als ärmere Menschen. Die Erklärung liegt in der Tatsache, dass ihr Wohlbefinden nicht nur von ihrem eigenen Einkommen abhängt, sondern auch von ihrem relativen Einkommen im Vergleich zu Gleichaltrigen. Wenn du zum Beispiel wohlhabender bist als dein Umfeld, solltest du ein höheres Wohlbefinden erwarten können. Wenn allerdings dein Einkommen steigt, während aber auch die Einkommen in deinem Umfeld steigen, heben sich diese Effekte fast auf, so dass dein Wohlbefinden unverändert bleibt.
Erfahre mehr darüber, ob ökonomisches Wachstum uns glücklicher macht
3.4 DALYs, QALYs, und WELLBYs
Wirtschaftswissenschaftler:innen verwenden häufig Gesundheitsmetriken wie verlorene gesunde Lebensjahre (engl.: disability-adjusted life years, DALYs) oder qualitätskorrigiertes Lebensjahre (engl.: quality-adjusted life years, QALYs), als Indikator für die Lebensqualität von Menschen. Diese beruhen auf Fragen zu zeitlichen Abwägungen, bei denen Menschen gefragt werden, wie viele gesunde Lebensjahre sie aufgeben würden, um ein Leben mit verschiedenen gesundheitlichen Einschränkungen zu vermeiden. Keine der beiden Messgrößen ist jedoch ein genauer Anhaltspunkt dafür, was Menschen glücklich oder zufrieden macht, da sie auf Vorhersagen über die Schlechtigkeit verschiedener gesundheitlicher Einschränkungen beruhen und nicht auf der gelebten Erfahrung dieser Zustände.
Wenn wir uns nur auf Vermutungen über zukünftige Gefühle verlassen, erhalten wir falsche Antworten über die Auswirkungen verschiedener Gesundheitszustände auf das subjektive Wohlbefinden. Die DALY-Schätzungen suggerieren beispielsweise, dass viele Menschen glauben, eine Depression sei in etwa so schlimm wie mit einem leichten Hinken zu gehen, und dass sie ähnlich viel Zeit opfern würden, um beide Situationen zu vermeiden. Daten von Menschen, die tatsächlich mit diesen Konditionen leben, zeigen jedoch, dass die Auswirkungen von „mäßigen Angstzuständen oder Depressionen“ mit einer zehnmal größeren Veränderung des subjektiven Wohlbefindens verbunden sind als „moderate Mobilitätseinschränkungen“ (Dolan und Metcalfe, 2012).

Zum Glück gibt es eine bessere Lösung. Das um Wohlbefinden bereinigte Lebensjahr (engl.:wellbeing-adjusted life year WELLBY) ermöglicht es uns, verschiedene Ergebnisse in einer gemeinsamen Währung zu vergleichen (Frijters et al. 2020). Eine Möglichkeit, aber nicht die einzige, WELLBYs zu definieren, besteht darin, ein WELLBY einer Steigerung der Lebenszufriedenheit einer Person um einen Punkt für ein Jahr gleichzusetzen. Diese Methode ähnelt strukturell den D/QALYs, da sie versucht, Lebensqualität und -quantität zu kombinieren. Der Hauptunterschied besteht darin, dass WELLBYs auf direkten Berichten über subjektive Erfahrungen beruhen, während D/QALYs auf fehleranfälligen Vorhersagen des Wohlbefindens in verschiedenen Szenarien beruhen. Außerdem ist zu beachten, dass D/QALYs auf einer Skala von null bis eins gemessen werden, während WELLBYs auf einer Skala von null bis zehn beruhen.
4. Prioritätenwechsel?
Wie die vorangegangenen Abschnitte gezeigt haben, hat die Erforschung der besten Wege zur Steigerung des globalen Wohlbefindens gerade erst begonnen. Das HLI hat sich zum Ziel gesetzt, die kosteneffizientesten und empirisch gestützten Wege zur Verbesserung des subjektiven Wohlbefindens zu finden und diese dann wichtigen Entscheidungsträger:innen wie Philanthrop:innen und politischen Entscheidungsträger:innen mitzuteilen, die Ressourcen für eine Ausweitung der Maßnahmen bereitstellen können.
4.1 Die bisherige Forschung des HLI
Wir gehen bei der Evaluierung von Hilfsorganisationen davon aus, dass Spenden am meisten bewirken, wenn sie Menschen in extremer Armut zugutekommen. Wir sind jedoch zuversichtlich, dass wir andere Finanzierungsmöglichkeiten finden, die eine noch größere Wirkung haben (siehe HLIs Forschungsagenda).
Bislang haben wir zwei gut erprobte Maßnahmen bewertet: Geldtransfers und Psychotherapie. Zahlreiche akademische Studien zeigen, dass Geldtransfers ein sehr wirksames Mittel zur Armutsbekämpfung sind. Die Überzeugungskraft dieser Erkenntnisse hat GiveWell dazu veranlasst, GiveDirectly als eine der Top-Hilfsorganisationen zu empfehlen. Wir waren jedoch der Meinung, dass die Bereitstellung von Gruppenpsychotherapie für depressive Menschen in einkommensschwachen Ländern noch kosteneffizienter sein könnte als Geldtransfers. Nach einer gründlichen Suche haben wir StrongMinds als eine der besten Wohltätigkeitsorganisationen identifiziert, die diese Maßnahme durchführt.
Auf der Grundlage von über 80 Studien mit mehr als 140.000 Teilnehmer:innen haben wir einen direkten Vergleich zwischen StrongMinds und Give Directly in Bezug auf das subjektive Wohlbefinden angestellt und festgestellt, dass StrongMinds 7,5-mal kosteneffizienter ist als GiveDirectly.
Dies ist ein überraschendes und wichtiges Ergebnis. Wir haben gezeigt, dass es möglich ist, scheinbar unvergleichbare Ergebnisse zu vergleichen, indem man ihre Auswirkungen auf das subjektive Wohlbefinden misst. Auf diese Weise haben wir eine neue und hervorragende Finanzierungsmöglichkeit für Philanthrop:innen und politische Entscheidungsträger:innen gefunden. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, dass wir uns nicht auf unsere Intuitionen darüber verlassen sollten, was uns Menschen glücklicher macht, und dass wir der weiteren Erforschung der besten Möglichkeiten zur Messung und Steigerung des globalen Wohlbefindens Priorität einräumen sollten.
5. Wie kann ich meinen Beitrag zu einer glücklicheren Welt leisten?
Es gibt viele Möglichkeiten, das Wohlbefinden Anderer durch deine Karriere und/oder deine Spenden zu verbessern. In diesem Abschnitt stellen wir die vielversprechendsten Wirkungsmöglichkeiten vor.
5.1 Spenden
Es gibt viele Organisationen, die enorm viel Gutes tun, um das Wohlbefinden in der Welt zu verbessern. Du kannst das Leben anderer Menschen entscheidend verbessern, indem du überlegt an die kosteneffizientesten und evidenzbasierten Hilfsorganisationen spendest. Du kannst nicht nur die von uns empfohlenen Hilfsorganisationen unterstützen, sondern auch weitere Forschung finanzieren, indem du eine Spende an das Happier Lives Institute tätigst.
Eine der größten Herausforderungen bei der Steigerung des globalen Wohlbefindens ist die Schaffung einer soliden Evidenzbasis für kosteneffektive Maßnahmen. Regierungen sind verständlicherweise zurückhaltend, wenn es darum geht, unbelegte Maßnahmen auszuweiten, aber vielversprechende Maßnahmen können ihren Wert nur dann beweisen, wenn sie ausreichend finanziert werden. Daher kommt Philanthrop:innen und Geldgeber:innen eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Innovation und Forschung zu.
Erfahre mehr über HLIs neuesten Rat für Spender:innen
5.2 Forschung
Es gibt viele potenziell wertvolle Forschungsrichtungen, z. B. die Ermittlung von Ursachen psychischer Erkrankungen, die Verbesserung präventiver Maßnahmen, die Förderung der Ausweitung bestehender Behandlungen und die Entwicklung neuer oder die Verbesserung bestehender Behandlungen, z. B. psychedelisch unterstützte Behandlungen.
Wenn du als Forscher:in Studien durchführst, um die Auswirkungen einer Maßnahme zu ermitteln, solltest du sicherstellen, dass du Daten zum subjektiven Wohlbefinden erhebst. Und zwar nicht nur bezogen auf die Empfänger; die Auswirkungen auf andere Mitglieder des Haushalts können ebenso bedeutend sein. Um eine genaue Kosten-Nutzen-Bewertung durchführen zu können, ist es außerdem wichtig, die Auswirkungen im Zeitverlauf zu messen.
Erfahre mehr über die dringendsten Forschungsfragen
5.3 Arbeit in Nichtregierungsorganisationen
Nichtregierungsorganisationen spielen eine sehr wertvolle Rolle, insbesondere in einkommensschwachen Gebieten mit schwacher Regierungskontrolle, wie z. B. in Konfliktregionen (wo die Prävalenz psychischer Störungen besonders hoch ist) oder an Orten, an denen die lokale Regierung keine Reichweite hat, wie z. B. in ländlichen oder abgelegenen Gebieten. Nichtregierungsorganisationen können auch auf eine Art und Weise innovativ sein, die in Regierungen weniger wahrscheinlich ist, z. B. indem sie neue Wege finden, um die Wirksamkeit zu verbessern oder die Kosten zu senken, und sie können in der Lage sein, Regierungen zu ermutigen, Maßnahmen auszuweiten. Sangath hat zum Beispiel mit den Regierungen der indischen Bundesstaaten zusammengearbeitet, um lokale Hilfskräfte auszubilden, die kostengünstige Maßnahmen zur psychischen Gesundheit in großem Umfang anbieten können.
5.4 Unternehmertum
Angesichts des Ausmaßes der Behandlungslücke und des Spielraums für Innovationen freuen wir uns über die Gründung neuer Non-Profit-Organisationen, die mit verschiedenen Methoden der Leistungserbringung experimentieren. Charity Entrepreneurship, eine Brutstätte für Non-Profits, bietet Schulungen und Beratung für diejenigen an, die neue Wohltätigkeitsorganisationen gründen möchten. Im Jahr 2020 haben sie eine detaillierte Suche nach Maßnahmen durchgeführt, die die psychische Gesundheit und das subjektive Wohlbefinden verbessern.
Auch Tech-Unternehmertum scheint sehr vielversprechend zu sein. Beispiele dafür sind Headspace (eine Meditations-App), Happify („Glückstraining“), MindEase (Linderung von Angstzuständen), UpLift (CBT für Depressionen) und Sanvello (eine Unterstützungsplattform für psychische Gesundheit). Die digitale psychische Gesundheit steckt noch in den Kinderschuhen. Wenn es jedoch gelingt, wirksame und kommerziell verwertbare Produkte in großem Maßstab anzubieten, würde dies die Belastung durch psychische Erkrankungen weltweit enorm verringern.
5.5 Interessenvertretung
Advokat:innen können das Bewusstsein für vernachlässigte globale Prioritäten wie psychische Gesundheit schärfen und Druck auf die politischen Entscheidungsträger:innen ausüben, damit diese mehr und bessere Dienste bereitstellen. Dies kann durch Kampagnen, Journalismus, Lobbyarbeit oder die Arbeit in Think Tanks auf nationaler oder internationaler Ebene geschehen. Auch diejenigen, die in der Forschung und bei der Durchführung von Maßnahmen tätig sind, können neben ihren anderen Tätigkeiten Interessenvertretung betreiben.
Eine Schlüsselrolle, die Interessenvertreter:innen spielen können, ist die Zusammenführung verschiedener Akteure und Interessengruppen. Verschiedene Gruppen wie Ärzt:innen, die Zivilgesellschaft und Wirtschaftswissenschaftler:innen verfolgen unterschiedliche Ansätze bei der Interessenvertretung, was dazu führen kann, dass sie den Entscheidungsträgern widersprüchliche Botschaften übermitteln. Verbesserungen in der Interessenvertretung könnten darin bestehen, diese Botschaften besser zu koordinieren, die Kommunikation mit den Entscheidungsträger:innen klarer zu gestalten und die Beweise für die Wirksamkeit psychosozialer Maßnahmen in Ländern mit niedrigem Einkommen besser zu nutzen, um Entscheidungsträger:innen aufzuklären.
5.6 Politik
Für politische Entscheidungsträger:innen, die das Wohlbefinden ihrer Bevölkerung so kosteneffizient wie möglich verbessern wollen, bieten sich enorme Möglichkeiten. Wenn die finanziellen Mittel und der politische Wille vorhanden sind, können sie die von Forscher:innen und gemeinnützigen Organisationen entwickelten und getesteten evidenzbasierten Interventionen ausweiten. Und selbst wenn keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung stehen, gibt es wahrscheinlich viele Möglichkeiten, die vorhandenen Budgets effektiver zu nutzen.
