Ein TED-Talk von William MacAskill

„Das Forschungsprogramm des Effektiven Altruismus steckt noch in den Kinderschuhen und es gibt noch so viel, was wir nicht wissen. Aber selbst mit unserem heutigen Wissen wird klar, dass wir durch fundiertes Nachdenken und Fokussieren auf große, lösbare und unbeachtete Probleme auf dieser Welt für Tausende weitere Jahre enorm viel verändern können.“

Transkript

Dieser TED Talk wurde am April 2018 von William MacAskill im englischen Original gehalten und im Jahr 2023 ins Deutsche übersetzt.

Das ist ein Graph über die Wirtschaftsgeschichte der Menschheit.

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Pro-Kopf-BIP der Welt in den letzten 200.000 Jahren

Da passiert nicht viel, oder? Im größten Teil der Menschheitsgeschichte lebte so ziemlich jeder vom Äquivalent eines Dollars pro Tag und das hat sich kaum verändert. Doch dann geschah etwas Außergewöhnliches: die wissenschaftliche und die industrielle Revolution. Der im Grunde flache Graph von eben sieht jetzt so aus.1 Der Graph bedeutet: Bezüglich der Möglichkeiten, die Welt zu verändern, erleben wir in der Menschheitsgeschichte eine beispiellose Zeit. Unser ethisches Verständnis hinkt dieser Tatsache wohl noch hinterher. Wissenschaftliche und industrielle Revolution wandelten unser Verständnis der Welt und unsere Fähigkeit, sie zu ändern. Wir brauchen eine ethische Revolution, um herauszufinden, wie wir diese Fülle an Ressourcen nutzen können, um die Welt zu verbessern.

In den letzten zehn Jahren entwickelten Kollegen und ich ein Philosophie- und Forschungsprogramm namens “Effektiver Altruismus”. Es will auf die radikalen Veränderungen der Welt reagieren, nutzt Beweise und durchdachte Argumente, um folgende Frage zu beantworten: Wie können wir am meisten Gutes tun? Bei der Behandlung dieser Frage ergeben sich viele Themen: Soll man Gutes tun über Wohltätigkeit, Berufslaufbahn oder politisches Engagement? Welche Programme soll man nutzen, mit wem zusammenarbeiten? Doch hier möchte ich über das grundlegendste Problem sprechen. Welches von all den Problemen dieser Welt sollten wir zuerst zu lösen versuchen? Ich gebe Ihnen jetzt Optionen zu dieser Frage und die sind sehr einfach. Ein Problem hat höhere Priorität, je größer und lösbarer es ist und je weniger es beachtet wird. Größer ist besser, weil wir mehr gewinnen, wenn wir dieses Problem lösen. Lösbarer ist besser, weil sich das Problem schneller oder billiger lösen lässt. Und am subtilsten: Weniger beachtet ist besser aufgrund sinkender Erträge. Je mehr Ressourcen schon in die Problemlösung investiert wurden, desto schwerer ist es, noch Fortschritte zu machen. Diese Optionen möchte ich Ihnen an die Hand geben, sodass Sie selbst überlegen können, was die globalen Prioritäten sind. Doch ich und andere Vertreter des Effektiven Altruismus haben uns unter diesen Optionen auf drei besonders wichtige moralische Themen geeinigt.

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Globale Gesundheitsprobleme sind lösbar, am Beispiel der sinkenden Sterberaten bei verschiedenen Krankheiten

Das erste ist globale Gesundheit. Dieses Thema ist absolut lösbar. Wir haben hier eine fantastische Erfolgsbilanz. Die Sterberaten bei Masern, Malaria und Durchfallerkrankungen sind um über 70 Prozent gefallen.2 Im Jahr 1980 haben wir die Pocken ausgerottet. Vermutlich wurden so ungefähr 60 Millionen Leben gerettet. Das sind mehr Leben, als wir in der gleichen Zeit durch Weltfrieden gerettet hätten.3 Nach aktuellen Schätzungen können wir mithilfe insektizidbehandelter Moskitonetze für wenige Tausend Dollar Leben retten. Eine fantastische Gelegenheit.

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Todesraten von Tieren in Massentierhaltung vs. Tierheimen in den USA

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Spenden an US-Amerikanische Organisationen, die sich der Verbesserung der Lebensumstände bzw. der Rettung von Tieren in Massentierhaltung oder in Tierheimen widmen.

Die zweitgrößte Priorität ist Massentierhaltung. Dieses Thema wird kaum beachtet. Pro Jahr werden 50 Milliarden Landtiere für Nahrung verwendet; die überwältigende Mehrheit stammt aus Massentierhaltung und lebt in entsetzlichem Elend.4 Sie gehören wohl zu den bedauernswertesten Lebewesen der Erde und in vielen Fällen könnten wir ihr Leben für wenige Cents erheblich verbessern. Doch das wird kaum beachtet. Es gibt 3.000 Mal mehr Tiere in Massentierhaltung als streunende Haustiere. Trotzdem wird fünfzig Mal mehr Geld für streunende Haustiere gespendet. Hier könnten also zusätzliche Ressourcen wirklich einiges bewirken.

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Zeitraum, den eine typische Säugetierspezies überlebt (grün, links) vs Länge der Zeitspanne, während es Menschen möglich sein könnte auf der Erde zu leben (roter Balken)

Das dritte Thema möchte ich besonders hervorheben. Es ist die Kategorie existenzieller Risiken: Ereignisse wie ein Atomkrieg oder eine globale Pandemie, die die Zivilisation endgültig scheitern lassen oder sogar zum Aussterben der Menschheit führen könnten. Lassen Sie mich erklären, warum das unter diesen Optionen solche Priorität hat.

Zum Ersten: das Ausmaß. Wie schlimm wäre eine wahrhaft existenzielle Katastrophe? Sie würde den Tod aller sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten bedeuten, also Ihren und den derer, die Sie kennen und lieben. Das ist eine Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes. Aber das ist noch nicht alles: Sie würde auch das Potential der Menschheit beeinträchtigen, und das ist meiner Meinung nach enorm. Die Menschheit gibt es seit ungefähr 200.000 Jahren. Nach dem Beispiel einer typischen Säugetierart würde sie etwa zwei Millionen Jahre bestehen.5 Wäre die Menschheit ein einzelnes Individuum, wäre sie heute erst zehn Jahre alt. Dabei sind Menschen keine typische Säugetierart: Es gibt keinen Grund, warum wir nach nur zwei Millionen Jahren aussterben sollten. Die Erde bleibt noch weitere 500 Millionen Jahre bewohnbar.6 Würden wir einst zu den Sternen aufbrechen, könnte die Zivilisation noch Milliarden Jahre fortdauern.

Ich glaube also, die Zukunft wird gewaltig, aber wird sie auch gut? Ist es die menschliche Spezies wert, zu überleben? Wir hören zwar ständig, dass alles immer schlimmer wird, aber wenn wir Langzeittrends betrachten, hat sich die Lage drastisch verbessert. Da ist zum Beispiel die Lebenserwartung. Da ist der Anteil Menschen, die nicht in extremer Armut leben. Da ist die Zahl der Länder, die Homosexualität entkriminalisieren.7 Da ist die Zahl der Länder, die zu Demokratien wurden.8 Wenn wir also in die Zukunft schauen, könnte noch viel mehr erreichbar sein. Wir sind dann so viel reicher, wir können so viele heute unlösbare Probleme lösen.

Wenn dies ein Graph des bisherigen menschlichen Fortschritts und Erfolgs im Lauf der Zeit ist, könnte der künftige Fortschritt so aussehen. Er ist gigantisch.

Ab hier würden wir etwa erwarten, dass niemand mehr in extremer Armut lebt. Ab hier würden wir erwarten, dass es jedem besser geht als der reichsten heute lebenden Person. Vielleicht würden wir hier die fundamentalen Naturgesetze der Welt entdecken. Vielleicht würden wir hier ein ganz neue Kunstform entdecken –- eine Art von Musik, für die uns heute noch das Gehör fehlt. Das sind nur die nächsten Jahrtausende. Danach können wir uns weitere Gipfel menschlicher Errungenschaften kaum mehr vorstellen.

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Beispiele möglicher positiver Entwicklungen innerhalb der nächsten tausend Jahre

Die Zukunft könnte also gigantisch und sehr gut sein, aber könnten wir dieses Potenzial auch verlieren? Ich denke, leider schon. Die letzten 200 Jahre brachten unglaublichen technischen Fortschritt, aber auch das globale Risiko eines Atomkriegs und die Möglichkeit extremen Klimawandels. Beim Blick auf kommende Jahrhunderte sollten wir das gleiche Muster erwarten. Am Horizont zeigen sich mächtige Technologien. Mit synthetischer Biologie könnten wir Viren erschaffen, die beispiellos ansteckend und tödlich sind. Mit Hilfe von Geoengineering könnten wir das Klima der Erde drastisch verändern. Durch künstliche Intelligenz können wir intelligente Wesen schaffen, die mehr können als wir. Ich sage nicht, dass diese Risiken wahrscheinlich sind, aber wenn so viel auf dem Spiel steht, fallen auch kleine Wahrscheinlichkeiten ins Gewicht. Stellen Sie sich vor, Sie besteigen etwas nervös ein Flugzeug und der Pilot beruhigt Sie mit den Worten: „Keine Sorge, die Chance eines Absturzes liegt nur bei eins zu tausend.“ Würde Sie das beruhigen? Deshalb glaube ich, dass der Erhalt der Zukunft der Menschheit derzeit eines unserer wichtigsten Probleme ist.

Aber bleiben wir bei dieser Option. Wird das Problem wenig beachtet? Ich denke ja. Denn Probleme, die zukünftige Generationen betreffen, werden oft kaum beachtet. Warum? Weil zukünftige Menschen nicht an heutigen Märkten teilhaben. Sie haben kein Mitspracherecht. Es gibt keine Lobby für die Interessen derer, die im Jahr 2300 geboren werden. Sie können unsere heutigen Entscheidungen nicht beeinflussen. Sie haben keine Stimme. Deshalb verschwenden wir kaum Energie auf folgende Themen: Nichtverbreitung von Atomwaffen, Geoengineering, biologische Risiken, die Sicherheit künstlicher Intelligenz. Für all diese Bereiche werden jährlich nur einige Dutzend Millionen Dollar bereitgestellt. Das ist ein Bruchteil im Vergleich zu den 390 Milliarden Dollar, die in den USA insgesamt gespendet werden.9

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Vergleich des gesamten jährlichen Spendenvolumens in den USA (links) mit den Spenden an vier Bereiche der existentiellen Risiken

Der letzte Aspekt unserer Option: Ist das lösbar? Ich glaube ja. Sie können dazu mit Ihrem Geld beitragen, Ihrer beruflichen Laufbahn oder politischem Engagement. Mit Ihrem Geld können Sie entsprechende Organisationen unterstützen: etwa die Nuclear Threat Initiative, die gegen die Nutzung von Atomwaffen in Krisensituationen kämpft, oder das Blue Ribbon Panel, das sich für die Schadensminimierung bei natürlichen und vom Menschen verursachten Pandemien einsetzt, oder das Center for Human-Compatible AI, das mit technischer Forschung KI-Systeme sicher und zuverlässig machen will. Durch politisches Engagement können Sie Kandidaten wählen, denen diese Risiken wichtig sind, und mehr internationale Kooperation unterstützen. Auch im Beruf haben Sie eine Reihe Möglichkeiten. Natürlich brauchen wir Wissenschaftler, Politiker, Organisationsleiter, aber ebenso nötig brauchen wir Buchhalter, Manager und Assistenten, die für solche Organisationen arbeiten.

Das Forschungsprogramm des Effektiven Altruismus steckt noch in den Kinderschuhen und es gibt noch so viel, was wir nicht wissen. Aber selbst mit unserem heutigen Wissen wird klar, dass wir durch fundiertes Nachdenken und Fokussieren auf große, lösbare und unbeachtete Probleme auf dieser Welt für Tausende weitere Jahre enorm viel verändern können.

Vielen Dank.

Erste Schritte

Du bist neu im Effektiven Altruismus und weißt nicht, wo du anfangen sollst? Du suchst nach effektiven Wegen, um etwas zu bewirken? Entdecke eine Auswahl erster Schritte für deinen Einstieg in den Effektiven Altruismus.

Fußnoten

  1. Du kannst diese und andere Graphen auf durchsuchen und ansehen unter Our World in Data: "Economic Growth".
  2. Auf der Website der Weltgesundheitsorganisation finden sich Zahlen zum Rückgang von Krankheiten, insbesondere zu Durchfallerkrankungen, Malaria, Masern und zur Ausrottung der Pocken.
  3. Du kannst hierzu den Bericht des Center for Global Development über die Ausrottung der Pocken lesen. Darin heißt es, dass 1966 jedes Jahr 1,5 bis 2 Millionen Menschen durch Pocken ums Leben kamen. Der letzte Todesfall durch Pocken ereignete sich 1978. Die Verhinderung von 1,5 Millionen Todesfällen pro Jahr über 40 Jahre hinweg bedeutet 60 Millionen gerettete Leben.
  4. Die jüngste Schätzung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (aus dem Jahr 2008) besagt, dass jährlich 56 Milliarden Landtiere geschlachtet werden. Weitere Informationen findest du in ihrem Bericht "Global Farm Animal Production and Global Warming: Impacting and Mitigating Climate Change".
  5. Die Berechnung für diese Zahl lautet: 1,8 Millionen Jahre (wie viel länger wir leben würden, wenn wir so lange überleben würden wie eine typische Säugetierart) bei 10 Milliarden Menschen pro Jahrhundert (ungefähr, bei dem derzeitigen und erwarteten Plateau der Weltbevölkerung) = 1,8 18^14, was etwa 25.000 Mal mehr sind als die 7 Milliarden Menschen, die heute leben.
  6. Klimaforscher sind sich uneins darüber, wie lange die Erde angesichts des Klimawandels bewohnbar bleiben wird. Doch einer Studie von Doktoranden des National Center for Atmospheric Research zufolge wäre die Erde selbst dann noch mindestens eine Milliarde Jahre lang für den Menschen bewohnbar, wenn der CO2-Gehalt weiter ansteigt und sich unsere Erde von einer Durchschnittstemperatur von 15 Grad Celsius auf 40 Grad Celsius erwärmt. Wir würden uns allerdings sehr unwohl fühlen - weshalb wir jetzt etwas gegen den Klimawandel unternehmen müssen. Mehr über diese Studien und die ungefähre Lebensdauer der Erde kannst du in diesem Artikel aus dem Journal Science lesen: "Earth Won't Die As Soon As We Thought".
  7. Diese Grafik stammt aus Steven Pinkers Buch „Aufklärung jetzt
    Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung.“ (2018)
  8. Diese Zahlen findest du hier unter Our World in Data.
  9. Philanthropische Mittel für: Eindämmung von KernwaffenGeoengineeringbiologische Risiken und Zahlen zu den philanthropischen Gesamtausgaben in den USA.