Ethische Berufswahl

Die Berufswahl beeinflusst die eigene und die Zukunft anderer wie kaum eine andere Entscheidung. Angesichts der etwa 80’000 Arbeitsstunden, um die es bei dieser Entscheidung geht, fallen die gängigen Ratschläge zur Berufswahl – wie z. B. „Folge deiner Leidenschaft!“ – jedoch äußerst dürftig aus. Und selbst die akademische Ethik hat bis vor kurzem nicht bemerkt, von welch entscheidender ethischer Bedeutung es ist, wie man sein Arbeitsleben zubringt.

Ersetzbarkeit

Der gängigen Meinung nach sollten Menschen, die sich durch ihren Beruf für andere engagieren möchten, z. B. für eine NGO arbeiten, Ärzte/innen oder Lehrer/innen werden. Berufe, die typischerweise für ethisch gehalten werden, versuchen, Probleme „direkt“ zu lösen. Was bei der Empfehlung solcher Berufswege aber oft nicht berücksichtigt wird, ist die Ersetzbarkeit: Die meisten dieser Jobs würden von anderen, ähnlich kompetenten Personen ausgeführt, wenn man sie nicht selbst ausführen würde.

Earning to Give

Um viel zu bewirken, ist es aber notwendig, Dinge zu tun, die sonst nicht erfolgen würden. Eine Möglichkeit dazu stellt die „indirekte“ Tätigkeit des effektiven Spendens bzw. „Earning to Give“ (EtG) dar: Bei dieser Berufsstrategie geht es darum, einen gutbezahlten Job zu ergreifen und einen beträchtlichen Anteil des eigenen Einkommens an vielversprechende Organisationen zu spenden. Ersetzbar ist man dabei nicht, weil der eigene Job sonst von einer Person ausgeübt würde, die ihr Einkommen höchstwahrscheinlich nicht an die vielversprechendsten Organisationen weitergeben würde.

Ein zusätzlicher Vorteil der EtG-Strategie ist, dass Geldspenden sehr flexibel sind: Wenn sich durch neue Forschungsergebnisse zeigt, dass andere Problembereiche zu priorisieren sind als die, die aktuell für die altruistisch wichtigsten gehalten werden, kann man einfach sein Spendenziel ändern. Der/die Entwicklungshelfer/in hingegen kann kaum (in einer ähnlich wirkungsvollen Position) in einen anderen Problembereich wechseln.

Nicht nur für Reiche

EtG wird häufig mit Beispielen von Leuten in Verbindung gebracht, die an der Börse oder im IT-Bereich mehrere hunderttausend Euro pro Jahr verdienen. Dadurch lässt sich in der Tat sehr viel spenden, aber das bedeutet nicht, dass EtG nur in Berufen möglich und sinnvoll ist, die überdurchschnittlich hohe Löhne zahlen. Mit monatlichen Spenden von nur 300 Euro lässt sich in einem Jahr bereits ein Menschenleben retten. Und der gleiche Betrag kann wahrscheinlich Tausenden von Tieren ein Leben in der Massentierhaltung ersparen. Deshalb ist es auch mit einem vergleichsweise tiefen Einkommen möglich, extrem viel Gutes zu bewirken. Weil die EtG-Strategie so einfach und flexibel ist, ist sie für die meisten effektiven Altruisten/innen zu empfehlen – viele unterzeichnen beispielsweise den Pledge der Organisation Giving What We Can und verpflichten sich dazu, über den Verlauf ihres Lebens mit mindestens 10 % ihres Einkommens effektive Organisationen zu unterstützen.

Worauf ist bei der EtG-Berufswahl zu achten?

Wenn wir einen Berufsweg mit dem altruistischen Haupt- oder Nebenziel ausgewählen, substanzielle Beträge spenden zu können, sollten einige Punkte beachtet werden:

  • Einkommen: Je höher, desto besser.
  • Langfristige Motivation: Sie aufrechtzuerhalten, ist entscheidend: Wenn unser EtG-Beruf – oder die Ausbildung, die er erfordert – nach wenigen Jahren aufgegeben wird, weil er/sie uns zu wenig zusagt, sind die Spenden verloren und die altruistische Motivation zumindest in Gefahr.
  • Arbeitsumfeld: Haben wir die Möglichkeit, Leute in unserem Arbeitsumfeld für den Effektiven Altruismus zu begeistern, so können wir die eigene Wirkung vervielfachen.
  • Schadenspotenzial: Wenn ein Beruf direkten Schaden in der Welt anrichtet, ist er aus EA-Sicht bedeutend weniger empfehlenswert. Es sollte jedoch berücksichtigt werden, dass die Ersetzbarkeitsüberlegung auch das Ausmaß potentiell negativer Folgen wesentlich abschwächen kann.

EA-Direktarbeit

Eine Alternative zum EtG-Beruf stellt die Direktarbeit bei einer effektiven Organisation dar. Sie ist insbesondere dann zu empfehlen, wenn man sich aufgrund der eigenen Fähigkeiten und Persönlichkeit besonders gut für sie eignet, und weniger gut für einen EtG-Berufsweg. Verschiedenen Formen der Direktarbeit sind:  

  • NGOs/EA-Direkt- und Metaarbeit: Man arbeitet für eine Organisation, die sich effektiv im Bereich globaler Prioritäten engagiert oder für eine Meta-Organisation, die versucht, die EA-Bewegung zu vergrößern und Fundraising für andere effektive Organisationen betreibt. Viele dieser Organisationen sind relativ jung und klein, weisen aber ein starkes Wachstum(spotenzial) auf. Eine nachhaltige Skalierung ist dabei nicht nur von der Finanzierung insbesondere durch EtG-ler/innen abhängig, sondern auch wesentlich vom Personal. Viele Organisationen bekunden Schwierigkeiten, qualifizierte und stark ethisch motivierte Angestellte zu finden.
  • Forschung: Man forscht über für den EA relevante Fragen. Die Forschung über effektive Weltverbesserungsmaßnahmen steckt noch in den Kinderschuhen und es ist unwahrscheinlich, dass effektive Altruisten/innen bereits die langfristig effektivsten Interventionen ausfindig machen konnten. Es ist deshalb sinnvoll, dass mehr Leute sich etwa der Priorisierungsforschung oder der stark vernachlässigten Sicherheitsforschung im Bereich der künstlichen Intelligenz widmen.
  • Politik/Institutionen: Man strebt einen politischen Berufsweg an mit dem Ziel, den EA stärker in politische Entscheidungsprozesse einzubringen. Der EA ist zurzeit zu klein, um politisch bedeutende Stricke zu reißen. Gesellschaftliche Fragen werden jedoch letztlich politisch entschieden, was nahelegt, dass die Politik einen potenziell hocheffektiven Berufsweg darstellt. Politische Ämter eröffnen unter anderem weitreichende Einflussmöglichkeiten über staatliche Ausgaben und neue Gesetze. Nicht zuletzt ist die Politik eine riesige Plattform zur Verbreitung und Diskussion wichtiger Ideen. Ein einflussreiches politisches Amt zu erringen, ist zwar sehr unwahrscheinlich. Wenn man über sehr gute persönliche Voraussetzungen für diesen Berufsweg verfügt, dürfte er im Erwartungswert jedoch trotzdem hochwirksam sein.

Wegen der Ersetzbarkeitsüberlegungen und der hohen Opportunitätskosten – alternativ könnte immer ein EtG-Berufsweg verfolgt werden – ergibt die Direktarbeit v. a. dann Sinn, wenn man für ein spezifisches hocheffektives Berufsfeld gegenüber anderen effektiven Altruisten/innen über einen komparativen Vorteil verfügt.

Fazit

Auf den ersten Blick wirkt die Direktarbeit für viele Leute erfüllender, weil man die altruistische Wirkung des eigenen Tuns direkter nachvollziehen kann. EtG ist jedoch mindestens gleich wichtig und gleich wirksam, weil es ohne Spenden keine NGO-Stellen geben könnte. Die Herausforderung bei der EtG-Strategie ist es, langfristig die altruistische Motivation zu behalten. Umgekehrt fällt es bei einem EtG-Berufsweg im Vergleich zur Direktarbeit leichter, eine gesunde Work-Life-Balance zu bewahren, weil die Arbeit weniger stark von EA-Überlegungen geprägt ist. Letztendlich ist die persönliche Situation entscheidend: Die eigenen Fähigkeiten, Erfahrungen, Optionen, sowie die Art von Berufen, für die man sich am meisten begeistern kann.

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Dieser Artikel wurde ursprünglich auf der Website der Stiftung für Effektiven Altruismus veröffentlicht.


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