Über Mitgefühl und die Vernachlässigung großer Zahlen

Frei übersetzt von David Althaus, basierend auf On caring von Nate Soares.

1

Wir Menschen sind nicht gut darin, das Ausmaß großer Zahlen wirklich fühlen zu können. Beim Jonglieren mit Zahlen, die größer sind als 1000 (oder vielleicht sogar schon 100), erscheinen uns die Zahlen einfach nur “groß”.

Nehmen wir z.B. Sirius, den hellsten Stern am Nachthimmel. Wenn wir lesen, dass Sirius so groß wie eine Million Erden ist, fühlt sich dies nach einer Menge Erden an. Wenn wir hingegen lesen, dass Sirius so groß wie eine Milliarde Erden ist, dann … fühlt sich das noch immer nach einer Menge Erden an.

Die Gefühle sind nahezu identisch. Im direkten Vergleich gibt unser Gehirn zu, dass eine Milliarde viel größer ist als eine Million; es macht eine symbolische Anstrengung, dies wirklich zu fühlen. Aber sobald man den Zahlen unabhängig voneinander begegnet, fühlen sich eine Million und eine Milliarde einfach nur irgendwie unbestimmt groß an.

Man kann ein wenig Respekt für die Größe von Zahlen fühlen, wenn man wahrhaft riesige Zahlen wählt. “Eine Eins, gefolgt von hundert Nullen” fühlt sich tatsächlich größer an als eine Milliarde. Aber rein vom Bauchgefühl her, scheint diese Zahl sicherlich nicht 10 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 mal so groß zu sein. Jedenfalls nicht in der Art, in der sich vier Äpfel instinktiv nach doppelt so viel anfühlen wie zwei Äpfel. Unser Gehirn kann nicht einmal ansatzweise vollständig erfassen, wie enorm der Unterschied zwischen einer Milliarde und “einer Eins gefolgt von 100 Nullen” wirklich ist.

Dieses Phänomen ist verwandt mit Scope Insensitivity, und es ist von hoher Relevanz, da wir in einer Welt leben, in der die Dinge, um die wir uns sorgen, häufig in wirklich großen Zahlen kommen.

Beispielsweise leben Milliarden an Menschen in erbärmlichen Verhältnissen, und Millionen von ihnen sind am Verhungern, Verdursten oder sind aufgrund von Krankheiten dem Tode geweiht. Und obwohl die meisten von ihnen außerhalb unseres Sichthorizonts leben, ist ihr Schicksal vielen von uns nicht egal – wir sorgen uns um sie.

Tod, Krankheit und Leid sind unabhängig von den Ursachen tragisch und die Tragödien werden nicht herabgesetzt, nur weil ich nichts davon weiß, oder weil sie weit entfernt von mir geschehen, oder weil ich nicht weiß, wie ich helfen könnte oder weil ich nicht persönlich dafür verantwortlich bin.

Um dies wissend sorge ich mich um jedes Individuum auf diesem Planeten.

Das Problem ist, dass unsere Gehirne schlichtweg nicht fähig sind, das Mitgefühl, das wir für eine einzelne Person empfinden, um einen Faktor von einer Milliarde zu vergrößern.

Meinem Gehirn mangelt es an Kapazität, so viel zu fühlen. Mein internes “Empathometer” – das mir gefühlt vorgeben sollte, wie sehr ich mich um etwas sorge – kann einfach nicht derartig hohe Werte erreichen.

Und das ist ein Problem.

2

Einer verbreiteten Redensart nach geht es beim Mut nicht darum, furchtlos zu sein, sondern darum, Furcht zu empfinden, aber trotzdem das Richtige zu tun. Gleichermaßen geht es bei dem Ziel, die Welt zu verbessern, nicht darum, instinktiv ein Gefühl zu empfinden, das der gesamten Leidmenge in der Welt entspricht. Es geht darum, das Richtige zu tun, selbst in der Abwesenheit eines solchen Gefühls.

Ein menschliches Empathometer ist auf  höchstens einhundertfünfzig Menschen abgestimmt, und es kann schlichtweg nicht auf instinktiver Ebene das Ausmaß an Sorge ausdrücken, das wir für Milliarden an Leidenden empfinden.

Doch für die Menschheit steht unvorstellbar viel auf dem Spiel. Allermindestens gibt es Milliarden an Menschen und Tieren, die bereits jetzt Not erleiden. In der (nicht allzu) fernen Zukunft könnten sich diese Zahlen nochmals drastisch erhöhen, falls es uns nicht gelingt, mögliche Zukunftstechnologien wie beispielsweise die künstliche Intelligenz sicher und ethisch zu verwenden.

Obwohl viel auf dem Spiel steht, scheitern unsere intuitiven Mitgefühlsheuristiken völlig daran, den Ernst der Lage zu begreifen – kein Wunder, da sie auf Zahlen wie “zehn” oder “zwanzig” abgestimmt sind.

Das Leben eines Menschen zu retten, fühlt sich großartig an, und es fühlt sich wahrscheinlich ungefähr ebenso großartig an, die ganze Welt zu retten. Sicherlich führt “die gesamte Welt zu retten” zu keinem mehrere milliardenmal intensiveren Hochgefühl, denn unser Gehirn – unsere “Hardware” – verfügt gar nicht über die neuronale Kapazität, ein solch intensives Gefühl zu empfinden. Aber selbst wenn das altruistische Hochgefühl, welches man durch das Retten eines Lebens empfindet, erschreckend ähnlich zu dem altruistischen Hochgefühl wäre, welches durch das Retten der Welt entstünde, sollte man niemals vergessen, dass sich hinter diesen ähnlichen Gefühlen ein gewaltiger Unterschied befindet – nämlich die ganze Welt.

Unsere Emotionen und unser Mitgefühl sind jämmerlich schlecht kalibriert fürs Handeln und Entscheiden in einer Welt mit großen Problemen.

3

Ich durchlebte eine geistige Veränderung als ich begann, meine Scope Insensitivity zu verinnerlichen. Diese Veränderung ist etwas schwer zu artikulieren, daher beginnen wir erst einmal mit den folgenden Beispielen:

Alice ist eine Softwareentwicklerin bei Amazon. Jeden Monat begegnet Alice an einer Straßenecke einer Gruppe von Studierenden, die ausgerüstet mit Klemmbrettern (und mit immer desillusionierter werdenden Gesichtern) versuchen, vorbeigehende Passanten zum Spenden an “Ärzte Ohne Grenzen” zu überzeugen.

Normalerweise vermeidet Alice Augenkontakt und geht ihres Weges, aber diesen Monat schaffen es die Studierenden schließlich, sie anzuhalten. Sie erklären Alice Ärzte Ohne Grenzen und Alice muss sich eingestehen, dass sich dies tatsächlich nach einer ziemlich guten Sache anhört. Am Ende gibt Alice den Studierenden 20€ aufgrund einer Kombination aus Schuld, sozialem Druck und Altruismus und läuft dann schnell zu ihrer Arbeit weiter. (Das nächste Mal  vermeidet Alice wieder Augenkontakt.)

Bob wurde für die Ice Bucket Challenge von einem Freund über Facebook nominiert. Er fühlt sich zu beschäftigt, um sich tatsächlich einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf zu gießen und spendet stattdessen einfach 100€ an ALSA.

Christine ist Mitglied einer Studierendenvereinigung, welche sich in einem Wettbewerb mit einer anderen Vereinigung befindet. Gewonnen hat diejenige Vereinigung, die in einer Woche das meiste Geld für eine Kinderkrebsstiftung sammelt. Christine ist kompetitiv und will unbedingt gewinnen, deshalb engagiert sie sich beim Spendensammeln und spendet über die Woche hinweg sogar selbst einige hundert Euro (besonders dann, wenn ihre Gruppe am Verlieren ist).

Alice, Bob und Christine spenden Geld an Hilfsorganisationen, was großartig ist. Aber die drei Beispiele haben etwas gemeinsam: die Spenden sind größtenteils durch den sozialen Kontext motiviert. Alice fühlt Verpflichtung und sozialen Druck. Bob empfindet sozialen Druck und vielleicht ein wenig Kameradschaftsgeist. Und bei Christine zeigt sich Kameradschaftsgeist und Wettbewerbsdenken. Dies sind gute Beweggründe, aber sie beziehen sich auf das soziale Umfeld. Sie hängen nur sehr indirekt mit dem wesentlichen Inhalt der jeweiligen wohltätigen Spende zusammen.

Angenommen, man fragt Alice, Bob oder Christine, warum sie nicht all ihre zur Verfügung stehende Zeit und all ihr Geld in diese Anlässe investieren, von denen sie allem Anschein nach glauben, dass sie wertvoll sind. Sie würden einen komisch anschauen und wahrscheinlich denken, dass man etwas unhöflich ist (wohl mit gutem Grund). Wenn man weiter nachfragte, würden sie einem wahrscheinlich erzählen, dass sie gerade nicht so viel Geld haben oder dass sie mehr Geld spenden würden, wenn sie bessere Menschen wären.

Aber für die meisten Menschen fühlt sich wohl allein die Frage irgendwie falsch an. Sein ganzes Geld wegzugeben ist einfach nicht etwas, was man mit Geld macht. In Gesellschaft anderer mag man zwar beteuern, dass Leute, die all ihr Geld abgeben, wirklich großartig sind, aber insgeheim glauben die meisten, dass solche Leute verrückt sind. (“Gut verrückt” vielleicht, aber trotzdem verrückt.)

Das war die Denkweise, in der ich mich eine Weile lang befand. Es gibt eine alternative Denkweise, die einen wie ein Güterzug treffen kann.

4

Es ist 2010, vor kurzem hat die Explosion einer Bohrplattform die Ölpest im Golf von Mexiko verursacht. Daniel, ein Programmierer bei Google, begegnet an einer Straßenecke einer Studentin, die um Spenden für den WWF bittet. Der WWF versucht, so viele ölverschmutzte Vögel wie möglich zu retten. Normalerweise würde Daniel diese Angelegenheit nicht weiter beachten, weil es Nicht Die Wichtigste Sache ist, oder Gerade Jetzt Nicht Seine Zeit Wert ist oder Das Problem Anderer ist. Aber in letzter Zeit hat Daniel darüber nachgedacht, wie schlecht sein Gehirn eigentlich mit Zahlen umgehen kann, und so entscheidet er sich für einen kurzen Plausibilitäts-Check.

Daniel stellt sich vor, wie er nach der Ölpest am Strand entlangläuft und einer Gruppe von Menschen begegnet, die Vögel so schnell wie möglich vom Öl reinigen. Sie haben jedoch nicht die Ressourcen, um alle betroffenen Vögel vom Öl zu befreien. Ein mitleiderregender junger Vogel flattert zu Daniels Füßen, mit Öl verschmiert und kaum fähig, seine Augen zu öffnen. Daniel kniet sich hin, um ihn aufzuheben und ihm auf den Tisch zu helfen. Einer der Menschen der Gruppe informiert Daniel, dass sie leider keine Zeit haben, sich um diesen Vogel zu kümmern, aber dass Daniel einfach Handschuhe anziehen und den Vogel retten könne, wenn er ihn für drei Minuten putzt.

Daniel entscheidet, dass er tatsächlich drei Minuten seiner Zeit zur Rettung des Vogels aufwenden würde. Er wäre auch gerne bereit, mindestens 3 Euro zu zahlen, damit jemand anderes den Vogel sauber macht. Nach einiger Introspektion kommt Daniel zum Schluss, dass dies nicht nur so ist, weil er sich den Vogel unmittelbar vor sich befindlich vorgestellt hat: Er verspürt, dass es ihm – in einem vagen platonischen Sinn – mindestens drei Minuten (oder 3 Euro) seiner Zeit wert ist, den ölverschmierten Vogel zu retten.

Und weil Daniel in letzter Zeit über Scope Insensitivity nachgedacht hat, erwartet er, dass sein Gehirn ihm falsche Angaben dazu liefert, wie sehr er sich tatsächlich um große Zahlen an Vögeln sorgt: Es ist nicht zu erwarten, dass das innere Gefühl an Sorge mit der tatsächlichen Bedeutung der Situation übereinstimmt. Daher, anstatt sein Bauchgefühl danach zu befragen, wie wichtig ihm das Reinigen zahlreicher ölverschmierter Vögel ist, ignoriert er seine Intuitionen und rechnet.

Abertausende an Vögeln sind durch die Ölpest im Golf von Mexiko mit Öl verschmutzt worden. Während er schweigend die Zahlen multipliziert, beginnt Daniel mit wachsendem Grauen zu erkennen, dass das Ausmaß, mit dem er sich wirklich um ölverschmutzte Vögel sorgt, mindestens zwei Monate harte Arbeit und/oder fünfzigtausend Euro beträgt. Und dies schließt noch nicht einmal die Tiere mit ein, welche von anderen Ölkatastrophen bedroht werden.

Und wenn ihm die Rettung von Vögeln dermaßen wichtig ist, wie sehr sorgt er sich dann wirklich um industrielle Massentierhaltung, Hunger, Armut oder Krankheit? Wie wichtig ist ihm das Verhindern von Kriegen? Was ist mit vernachlässigten, einsamen Kindern? Und was ist mit dem Leid zukünftiger Generationen? In Wirklichkeit sorgt er sich um diese Dinge zu einem solch gewaltigen Ausmaß, dass all seine Zeit und all sein Geld im Vergleich dazu kläglich unbedeutend erscheinen.

Zum ersten Mal kann Daniel einen flüchtigen Blick davon erhaschen, wie sehr er sich in Wirklichkeit sorgt, und in welch erbärmlichem Zustand sich die Welt eigentlich befindet.

Dies hat eigenartigerweise zur Folge, dass Daniels Überlegungen den Kreis schließen und er realisiert, dass er sich um einen ölverschmutzten Vogel nicht im Ausmaß von 3 Minuten oder 3 Euro sorgen kann: Nicht etwa, weil die Vögel seine Zeit und sein Geld nicht wert wären (tatsächlich denkt er sogar, dass die Wirtschaft einige Dinge produziert, die zwar 3 Euro kosten, aber weniger wert sind als das Leben eines Vogels), sondern weil er seine Zeit und sein Geld nicht darauf verwenden kann, Vögel zu retten. Die Opportunitätskosten scheinen plötzlich viel zu hoch: es gibt zu viel anderes zu tun! Milliarden von Menschen und Tieren sind krank und hungern und sterben! Die Zukunft aller empfindungsfähigen Lebewesen steht auf dem Spiel!

Daniel gibt dem WWF letztendlich keine fünfzigtausend Euro, noch spendet er an Ärzte Ohne Grenzen oder ALSA. Aber wenn man Daniel fragt, warum er nicht all sein Geld spendet, wird er einen nicht komisch anschauen oder denken, dass man unhöflich ist. Er hat den Geisteszustand, an dem man nicht darüber nachdenkt, weit zurückgelassen. Er hat gelernt in den Abyss zu blicken und hat erkannt, dass sein Gehirn ihn bezüglich des Ausmaßes und der Bedeutung der eigentlichen Probleme die ganze Zeit belogen hat.

Jetzt realisiert er, dass er unmöglich genug tun kann. Nach Berichtigung der eigenen Scope Insensitivity (und der Tatsache, dass sein Gehirn über das Ausmaß großer Zahlen lügt), scheinen es plötzlich selbst die “weniger wichtigen” Anliegen wie der WWF wert zu sein, sie sich zur Lebensaufgabe zu machen.

Ölverschmutzte Vögel oder Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) oder Kinderkrebs sind plötzlich Probleme, für die er Berge versetzen würde – außer dass er letztendlich verstanden hat, dass es einfach zu viele Problemberge gibt, und dass ALS nicht das Hauptproblem ist, und AHHH WARUM SIND DA SO VIELE BERGE?

Im ursprünglichen Geisteszustand ließ Daniel nicht alles stehen und liegen, um für den WWF oder ALSA zu arbeiten, weil dies einfach nicht … dringend genug schien. Oder beeinflussbar genug. Oder wichtig genug. Irgendwie. Der wahre Grund war wohl, dass die Idee “alles stehen und liegen zu lassen, um ALS anzugehen” ihm niemals auch nur in den Sinn gekommen ist – nicht als reale Möglichkeit. Die Idee war ein zu radikaler Bruch mit der üblichen Lebensgeschichte. Es war Nicht Sein Problem.

In seinem neuen Geisteszustand ist alles Daniels Problem. Er lässt nur deshalb nicht alles stehen und liegen, um beim WWF zu arbeiten und Vögel zu retten, weil es viel zu viele wichtigere Dinge zuerst zu tun gibt.

Alice, Bob und Christine verbringen normalerweise keine Zeit damit, die Probleme der Welt zu lösen, weil sie vergessen haben, diese überhaupt zu sehen. Wenn man sie daran erinnert – sie beispielsweise in eine soziale Situation bringt, in der sie sich daran erinnern, wie viel sie sich eigentlich um die Probleme der Welt sorgen (hoffentlich ohne Schuld oder sozialen Druck) – dann werden sie wahrscheinlich ein bisschen etwas spenden.

Im Gegensatz dazu verbringen Daniel und andere Menschen, welche die mit dem Verinnerlichen der Scope Insensitivity einhergehende geistige Veränderung durchlebt haben, ihre Zeit nicht damit, alle Probleme der Welt zu lösen, weil sie erkannt haben, dass es einfach zu viele Probleme gibt. (Hoffentlich werden Menschen wie Daniel den Effektiven Altruismus entdecken und schließlich dazu beitragen, die dringlichsten Probleme der Welt in Ordnung zu bringen.)

5

Es geht hier nicht um moralisches Predigen. Man muss die hier aufgezeigte Sichtweise nicht teilen, um ein guter Mensch zu sein. Alice, Bob oder Christine sind natürlich keine “schlechten” Menschen.

Es geht vielmehr darum, einen möglichen Perspektivwechsel aufzuzeigen, durch den man die Welt mit anderen Augen zu sehen beginnt. Im Laufe ihres Lebens erkennen viele Menschen, dass sie sich um das Leiden ander Menschen sorgen sollten, selbst wenn diese weit entfernt sind – nur scheitern die meisten. Wahrscheinlich hängt dies zumindest teilweise damit zusammen, dass die meisten Menschen blindlings ihrem inneren Empathometer vertrauen.

Unser Sorge-Gefühl ist normalerweise nicht stark genug, um uns dazu zu bringen, fieberhaft empfindungsfähige Wesen vor Leid, Krankheit oder Tod zu retten. Während die meisten von uns also anerkennen, dass es tugendhaft wäre, mehr Gutes in der Welt zu leisten, glauben sie, dass sie dies nicht können, weil sie nicht mit diesem außergewöhnlichen Ausmaß an Mitgefühl ausgestattet sind, das berühmte AltruistInnen zu haben scheinen.

Doch dies ist ein Irrtum – berühmte AltruistInnen haben keine besonders große Kapazität für Mitgefühl.

Die meisten berühmten AltruistInnen haben gelernt, ihrem Empathometer nicht zu vertrauen.

Unser inneres Empathometer ist defekt. Es funktioniert nicht bei großen Zahlen. Niemand hat ein Empathometer, welches dazu in der Lage ist, das Ausmaß der Probleme dieser Welt maßstabsgetreu zu repräsentieren. Aber nur weil man die Sorge nicht fühlen kann, bedeutet das nicht, dass man sie nicht ausüben kann.

Die Probleme dieser Welt sind einfach zu groß und unsere Körper sind nicht dafür geschaffen, auf Probleme derartiger Größenordnung angemessen zu reagieren. Aber wenn man sich dazu entschließt, kann man sich trotzdem für Handlungen entscheiden, welche das tatsächliche Ausmaß der Probleme widerspiegeln. Wir können damit aufhören, unser Verhalten kritiklos von unseren Gefühlen und Intuitionen leiten zu lassen, und beginnen, unsere Handlungen rational und wohlüberlegt auszuwählen.

6

Dies führt natürlich alles zur Frage: “Was tut man jetzt genau?”
Darauf gibt es keine klare Antwort, aber die Bewegung des Effektiven Altruismus versucht, mögliche Ansätze auszuarbeiten.

Ein Teil des Antriebs, sowohl altruistisch aktiv zu werden und dabei möglichst effektiv/rational vorzugehen, stammt wohl aus einer Perspektive der Verzweiflung. Es ist nicht genug, dass man glaubt, man solle die Welt verändern – es braucht auch die Art von Verzweiflung, die sich aus der Erkenntnis ergibt, dass man sein ganzes Leben hingeben würde, um nur das hundertgrößte Problem der Welt zu lösen, dies aber nicht kann, weil es 99 größere Probleme gibt, die man zuerst angehen muss.

Es geht hier nicht darum, Schuldgefühle zu erwecken, um Leute zum Spenden zu bewegen – regelmäßig signifikante Summen zu spenden ist wahrlich schwierig. Zunächst benötigt man Geld, was bereits ungewöhnlich ist, und dann erfordert es von einem, dass man sein Geld für entfernte, unsichtbare Probleme “hinauswirft”, wovon das menschliche Gehirn nicht so einfach zu überzeugen ist. Willensschwäche ist ein weiterer, respekteinflößender Gegner. Und am wichtigsten ist wohl, dass Schuldgefühle auf lange Sicht kein guter Anreiz zu sein scheinen. Wer den Rängen der Weltverbesserer beitreten möchte, tut dies besser stolz: So viele Proben und Belastungen liegen vor einem, dass es besser ist, ihnen mit erhobenem Kopf entgegenzutreten.

7

Beim Mut geht es nicht darum, furchtlos zu sein, sondern in der Lage zu sein, das Richtige zu tun, selbst wenn man sich fürchtet.

In ähnlicher Weise geht es beim Effektiven Altruismus nicht darum, einen angemessen starken Drang zu verspüren, die größten Probleme unserer Zeit anzugehen. Es geht darum, die Probleme dennoch anzugehen, selbst wenn das Ausmaß der eigenen Motivation und Gefühle bei weitem nicht dem Ausmaß der Probleme dieser Welt entspricht.

Dem ersten Anschein nach sorgen sich besonders altruistische Menschen viel mehr um die Probleme der Welt als der Durchschnitt. In manchen Fällen mag dies wohl zutreffen, aber die individuellen Unterschiede im Ausmaß des Mitgefühls sind wohl geringer als die meisten Menschen glauben.

Niemand kann das wahre Ausmaß der Probleme dieser Welt intuitiv erfassen. Am nächsten kommt man einem derartigen Verständnis wohl durchs Multiplizieren: Man nimmt etwas, um das man sich sorgt – z.B. einen ölverschmutzten Vogel – , versieht es mit einer Zahl – z.B. 3€ – und multipliziert. Und dann muss man den Zahlen mehr vertrauen als dem eigenen Bauchgefühl.

Denn unsere Gefühle belügen uns.

Nachdem man die Multiplikation gemacht hat, stellt man fest, dass zur Bewältigung der größten Probleme – wie Weltarmut, Massentierhaltung oder riskanten Zukunftstechnologien – bei weitem nicht genügend Ressourcen zur Verfügung stehen. Es gibt einfach nicht genügend Geld, Zeit oder Anstrengungen in der gesamten Welt, um zu tun, was wir als Menschheit eigentlich tun müssten.

Es gibt nur die Menschen, die es nichtsdestotrotz versuchen.

8

Man kann das Gewicht der Welt nicht fühlen. Das menschliche Bewusstsein ist zu einer solchen Leistung nicht imstande.

Aber manchmal kann man einen flüchtigen Blick erhaschen.

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Dieser Artikel wurde ursprünglich auf der Website der Stiftung für Effektiven Altruismus veröffentlicht.


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