Dominic Roser

Universität Freiburg (Schweiz)

Juni 2026

Ein quantifizierbares Lebensziel

Vor vielen Jahren traf ich meine Kumpels im Platzspitz-Park in Zürich. Wir hatten nichts Geringeres vor, als unsere Lebensziele niederzuschreiben. Eines meiner Ziele lautete: 100.000 Menschen aus der Armut befreien. Die konkrete Zahl war überhaupt nicht durchdacht! Aber ja, das Elend dieser Welt hat mich tatsächlich bewegt. Und ich war mir meiner enormen Privilegien bewusst. Und daher kam wohl der Drang, auch sicher groß genug zu denken. Auch wenn die Zahl nicht sorgfältig gewählt war, so hat sie doch Gutes ausgelöst. Sie zwang mich, rückwärts zu denken: Welche Schritte bräuchte es denn, um ein solches Ziel zu erreichen? Viele gängige Ideen machten mich skeptisch. Sie klangen zu sehr nach Feel-Good, Gewissensberuhigung oder auch Sündenbockdenken.

EA und Christentum – passt das zusammen?

Und so begann ich zu suchen. Und ich fand: Die Bewegung des Effektiven Altruismus (EA) überzeugte mich durch die entschlossene, sorgfältige und offene Suche nach Möglichkeiten, unseren Mitmenschen so zu dienen, dass sie wirklich davon profitieren.

Ich bin jemand, der gerne zur Kirche geht. Es gab zwar Auf und Ab – aber der christliche Glaube blieb das Zentrum meines Lebens.

Die EA-Bubble hingegen ist sehr säkular und erreicht deshalb christliche Kreise oft nicht besonders gut. Das ist eigentlich schade, denn in Kirchen wird das „A“ des EA großgeschrieben – einfach unter dem Label „Nächstenliebe“. Wenn Kirchen auch das „E“ des EA ernster nehmen würden, dann könnte Großes entstehen. Mit den richtigen Tools könnten aus den guten Absichten viel bessere Resultate herausgeholt werden.

EA-Gedanken in neue Kreise bringen

Deshalb entwickelten einige andere Christ:innen und ich die Idee, einem christlichen Publikum den „Werkzeugkasten“ der EA-Bewegung näherzubringen. So entstand Christians for Impact, eine Organisation, die sich genau dieses Ziel gesetzt hat. Nach einigen Jahren Arbeit ist nun dieses Frühjahr auch unser Buch „All the Lives You Can Change“ erschienen.

Ein Buch für Christ:innen und andere

In diesem Buch zeigen wir, wie gut die EA-Ideen wirklich in die christliche Perspektive passen. So geht es zum Beispiel beim berühmten Gleichnis des barmherzigen Samariters genau nicht darum, dass wir unsere Nächsten lieben sollen, sondern wer denn unsere Nächsten sind. Der Clou des Gleichnisses ist, dass wir auch den Fernsten zum Nächsten werden können. Oder: Jesus betont nicht nur, dass wir lieben sollen, sondern dass wir das mit ganzem Verstand tun sollen. Im Buch präsentieren wir aber nicht nur Theorie, sondern auch Porträts von Menschen, die diese Vision mit Leidenschaft und Verstand umgesetzt haben. Und wir zeigen, dass die Einbettung des EA-Mindsets ins christliche Lebensgefühl – das heißt: in ein Bewusstsein bedingungsloser Annahme – helfen kann, weder die Leidenschaft zu verlieren noch auszubrennen.

Damit ist das Buch nicht nur gut für christliche EAs geeignet, sondern richtet sich auch an Christ:innen, die zu EAs werden möchten, oder jene, die Interesse an unseren Ideen haben. Und vielleicht ist es auch einfach eine interessante Möglichkeit, mit christlichen Freund:innen oder der Familie über EA ins Gespräch zu kommen.

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