Fin Moorhouse

Spiral Jetty, United States, by Greg Rakozy

Dieses FAQ versucht einige der wichtigsten Fragen zum Longtermism zu beantworten. Klicke auf eine der Fragen im Inhaltsverzeichnis oben, um mehr zum jeweiligen Thema zu erfahren.

Wir haben ein paar kompakte Antworten zu den häufigsten Einwänden gegen Longtermism zusammengestellt. Einige dieser Einwände beruhen auf absolut nachvollziehbaren Fehlannahmen; andere wiederum werfen auch für Longtermist:innen wichtige und schwierige Fragen auf. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass es auf all diese Fragen klare, endgültige Antworten gibt. Tatsächlich wird unter Longtermist:innen noch sehr viel darüber diskutiert und es herrschen auch unter ihnen durchaus Meinungsverschiedenheiten.

Wenn du eine Frage hast, die hier nicht beantwortet wird, wende dich gerne an uns. Du kannst deine Fragen auch Mitgliedern der Effektiver Altruismus-Bewegung stellen: Poste dazu einfach im EA-Forum.

Foto von Javier Allegue Barros

Ist es überhaupt möglich, die langfristige Zukunft positiv zu beeinflussen?

Man kann die Zukunft bereits auf ganz triviale Weise beeinflussen: Ritze deinen Namen in einen harten Stein und man wird ihn noch in tausenden Jahren dort lesen können. 

Aber darum geht es hier nicht, denn damit hättest du keinen wesentlichen, geschweige denn positiven Einfluss auf die Zukunft. Stattdessen könnten unsere Handlungen die Zukunft auf viel bedeutsamere Weise beeinflussen — jedoch auf eine Weise, die wir nicht vorhersehen können oder die in vielen Fällen überhaupt nicht vorhersehbar ist. Daher kommt es auch darauf an, dass wir tatsächlich vorhersehen können, wie die Zukunft positiv beeinflusst wird. Die wichtige Frage lautet also: Ist es möglich, die langfristige Zukunft vorhersehbar und positiv zu beeinflussen? Es ist durchaus verständlich, dass dabei auch die Frage aufgeworfen wird, ob es überhaupt irgendetwas gibt, was wir jetzt tun können, das für die langfristige Zukunft einen echten Unterschied machen würde.

Es spricht jedoch viel dafür, dass wir heute etwas tun können, um die langfristige Entwicklung zu beeinflussen.

Die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels abzuschwächen, kann man als „proof of concept“, also quasi als Existenzbeweis, bezeichnen. Abgesehen von den Schäden, die ein unkontrollierter Klimawandel in naher Zukunft verursachen würde, wissen wir, dass Kohlenstoffdioxid in der Erdatmosphäre über Zehntausende von Jahren bestehen bleiben kann. Wir wissen auch, dass es Möglichkeiten gibt, unsere Emissionen zu verringern — etwa durch Investitionen in umweltfreundliche Technologien sowie eine Preisgestaltung, die sich an den tatsächlichen Folgekosten von Kohlenstoffemissionen orientiert. Wenn wir erfolgreich dazu übergehen, fast den gesamten Energie- und Strombedarf der Welt ohne die Verbrennung von Kohlenstoff zu decken, gibt es kaum Grund zu der Annahme, dass künftige Generationen unser Schaffen rückgängig machen werden — unser Erfolg würde weit in die Zukunft reichen.

Unsere heutigen Anstrengungen könnten die langfristige Zukunft auf noch dramatischere Weise beeinflussen. Der Philosoph Toby Ord argumentiert, dass dieses Jahrhundert eine Zeit beispielloser und untragbarer Gefahren darstellt. Gefahren, bei denen das gesamte Potenzial der Menschheit auf dem Spiel steht — sogenannte existenzielle Gefahren. Es gibt jedoch Hoffnung: Ord sagt nämlich auch, dass wir uns dafür entscheiden könnten, diese Zeit der Gefahren zu überwinden. Durch bewusstes Handeln könnte es uns gelingen, Katastrophen zu verhindern, die groß genug wären, um die Menschheit auf einen weitaus schlechteren Kurs zu bringen oder sogar auszurotten. Die größten Risiken dieser Art sind menschlichen Ursprungs, wie das Risiko einer künstlich erzeugten Pandemie, die viel schlimmer sein könnte als Covid-19. Oder auch eine mächtige künstliche Intelligenz, bei der wir versagt haben, ihr die richtigen Werte beizubringen. Aber da die größten Risiken menschlichen Ursprungs sind, sind wir auch in der Lage, sie zu verringern. Es gibt kaum ein besseres Beispiel dafür, wie wir die langfristige Zukunft positiv beeinflussen können, als die Verhinderung einer existenziellen Katastrophe.

Bild von 愚木混株 Cdd20

Ist Longtermism nicht offensichtlich notwendig? Wieso wird erst jetzt so viel davon gesprochen?

Einige Merkmale der Longtermism-Weltanschauung sind wirklich nicht besonders neu, anspruchsvoll oder schwer zu verstehen. So ist es beispielsweise unumstritten, dass zumindest einige der in Zukunft lebenden Menschen von Bedeutung sind: Werdende Eltern, zum Beispiel, tun etwas absolut Sinnvolles, wenn sie Vorbereitungen für das Kind treffen, das sie bekommen wollen. Ganz einfach, damit dieses Kind ein gutes Leben hat. 

Aber vielen Menschen ist nicht nur die eigene Familie wichtig, ihnen liegen auch andere Menschen am Herzen. Dies zeigt, dass das Interesse am Wohlergehen der eigenen zukünftigen Familie auch auf andere Menschen ausgeweitet werden könnte.

Das wirft die Frage auf, warum sich nicht viel mehr Menschen mit Longtermism beschäftigen und danach leben, und warum er erst jetzt als neue Denkweise ernst genommen wird.

Eine Antwort darauf ist, dass es zum vollständigen Verständnis von Longtermism erst mal eine Reihe überraschend neuer Entdeckungen brauchte. So haben wir z. B. erst durch Entdeckungen in den Feldern der Geologie und Kosmologie erkannt, wie viel Zeit uns auf und jenseits der Erde noch bleibt. Und erst seit kurzem ist uns klar, wie lange die durch Menschen erzeugten Auswirkungen auf unserer Erde andauern können: Erst Ende des 20. Jahrhunderts waren sich Klimaforscher:innen langsam darüber einig, dass die vom Menschen verursachten Treibhausgase Zehntausende von Jahren in der Atmosphäre verbleiben können.

Und obwohl uns schon immer prinzipiell klar war, dass zukünftig lebende Menschen von Bedeutung sind, war erst viel konzeptionelles Vordenken nötig, um zu verstehen, welche Art von ethischer Verpflichtung wir ihnen gegenüber genau haben könnten. 

Bevor Nordamerika kolonisiert wurde, hatten die Irokesen das sogenannte „Sieben-Generationen-Prinzip” entwickelt und gelehrt: von den Entscheidungen, die sie damals trafen, sollten auch noch sieben weitere Generationen profitieren können. Ähnliche Konzepte wurden im zeitgenössischen Denken wieder aufgegriffen — etwa in Derek Parfits „Reasons and Persons” und Jonathan Schells „The Fate of the Earth”. Wie der Historiker Thomas Moynihan beschreibt, ließen frühere Ansichten über die Zukunft der Menschheit fast nie Raum für ein Gefühl des „Sich-einsetzens“ — für die Erkenntnis, dass es an uns liegt, dass die Zukunft gut verläuft. Tatsächlich war damals praktisch niemandem klar, dass die Menschheit eines Tages aussterben könnte.

Außerdem hätten die wenigsten Menschen damals überhaupt gewusst, wie sie die langfristige Zukunft positiv beeinflussen könnten, selbst wenn sie es gewollt hätten. Das hat sich womöglich erst kürzlich geändert: Erstens verfügen wir heute über Technologien, die bedeutend genug sind, um die gesamte Zukunft zu beeinflussen, z. B. Atomwaffen. Zweitens haben wir große Fortschritte in den Sozial- und Naturwissenschaften gemacht, die es uns ermöglichen, einige langfristige Auswirkungen unseres Handelns genauer vorherzusagen.

Erst mit der Erfindung der Atomwaffen hat die Menschheit begonnen, Mittel zur eigenen Zerstörung zu entwickeln. Und weitere, ähnlich mächtige Technologien stehen uns noch bevor, darunter künstliche Intelligenz, fortgeschrittene Biotechnologie und Geoengineering. Das Gewährleisten der sicheren Entwicklung und des sicheren Einsatzes dieser Technologien scheint ein vielversprechender Weg zu sein, die Zukunft langfristig zu verbessern, insbesondere durch das Verhindern einer existentiellen Katastrophe. In der Theorie war schon immer klar, dass die Verbesserung der langfristigen Zukunft offensichtlich notwendig ist; nun wird dies jedoch auch in der Praxis immer wichtiger.

Man beachte auch, dass es lange gedauert hat, bis sich viele moralische Ansichten, die wir heute für selbstverständlich halten, durchgesetzt haben. Vor nicht sehr langer Zeit war es noch sehr kontrovers, sich für Abschaffung der Sklaverei, die Ausweitung des Wahlrechts auf Frauen oder das Ende von Massentierhaltung auszusprechen. Damals sind viele der Argumente für diese moralischen Ansichten zwar vielleicht bekannt und auch anerkannt gewesen, aber die Ansichten selbst haben die wenigsten geteilt.

Foto von Elena Mozhvilo

Ist Longtermism nicht einfach angewandter Utilitarismus?

Utilitaristische Ethik-Theorien fordern grundsätzlich, Entscheidungen so zu treffen, dass sie die besten Konsequenzen für alle betroffenen empfindungsfähigen Lebewesen haben. Dabei ist ein wesentliches Merkmal die Unparteilichkeit: Der Utilitarismus vertritt die Auffassung, dass wir das Wohlergehen aller Individuen unabhängig von Merkmalen wie Geschlecht, Herkunft, Nationalität oder sogar Spezies gleichermaßen moralisch berücksichtigen sollten. Mit anderen Worten: Gute und schlechte Dinge wie Wohlergehen oder Leid sind gleichwertig bedeutsam, unabhängig davon, wer sie erlebt.

Utilitaristische Theorien fordern auch, das Ausmaß von guten oder schlechten Konsequenzen zu beachten — zum Beispiel sollte ein Ergebnis, das doppelt so viele glückliche oder unglückliche Menschen bedeutet, als doppelt so gut bzw. schlecht bewertet werden. Das ist deshalb von großer Bedeutung, weil wir Menschen dazu tendieren, Probleme nicht im Verhältnis zu ihrer Größe zu betrachten. Dies hält uns leider oft davon ab, besonders große Probleme anzugehen.

Aus den meisten Versionen des Utilitarismus geht Longtermism ganz logisch hervor (vorausgesetzt, einige unserer Handlungen können die langfristige Zukunft sinnvoll und vorhersehbar beeinflussen). Unparteiische Moraltheorien wie der Utilitarismus gehen grundlegend davon aus, dass es aus moralischer Sicht keine Rolle spielt, wo man geboren wird, ebenso wenig wie es eine Rolle spielt, wann man geboren wird. Laut dem Prinzip der Unparteilichkeit müssen wir unseren moralischen Kreis (engl.: moral circle, beinhaltet alle Wesen, die wir in unsere ethischen Entscheidungen mit einbeziehen) also auch auf künftige Generationen ausweiten.

Außerdem bedeutet der Fokus auf die Konsequenzen unseres Handelns, dass im Utilitarismus die langfristige Zukunft im Verhältnis zu ihrem riesigen Umfang und ihrer Dauer bewertet und anerkannt wird — inklusive aller Lebewesen, die in der Zeit leben werden.

Man muss jedoch keine utilitaristische Position vertreten, um Longtermism zuzustimmen. Erstens sind sich viele andere nicht-utilitaristische — aber trotzdem konsequentialistische — Theorien (Theorien, die den Wert einer Handlung anhand ihrer Auswirkungen beurteilen) über die Wichtigkeit von Ausmaß und Unparteilichkeit einig: Die besonderen Merkmale, die den Utilitarismus von anderen Theorien, wie dem Prioritarismus oder dem Egalitarismus unterscheiden, sind für Longtermism nicht notwendig.

Darüber hinaus stimmen sogar viele nicht-konsequentialistische Moraltheorien darin überein, dass die positive Beeinflussung der langfristigen Zukunft eine der wichtigsten moralischen Prioritäten unserer Zeit ist. Zum Beispiel kann man unsere Verantwortung für die Zukunft mit den Pflichten gegenüber der Vergangenheit begründen. Wenn wir uns die lange Geschichte der Menschheit vor Augen führen, fühlen wir uns vielleicht zu einer Art Kontinuitätspflicht oder Solidarität mit früheren Generationen verpflichtet. Der Philosoph Toby Ord schreibt:

„Der Verlauf der Zeit macht es so viel einfacher, den Menschen zu helfen, die nach einem kommen, als den Menschen, die vor einem kommen. Der beste Weg, um die gegenseitige Verantwortung zwischen Generationen zu verstehen, mag sein, dass wir an die kommenden Generationen das weitergeben, was uns vorherige Generationen hinterlassen haben. So gesehen sind unsere Pflichten zukünftigen Generationen gegenüber in all dem begründet, was unsere Vorfahren für uns getan haben, als wir eine zukünftige Generation waren.”

Andererseits gibt es zwar viele nicht-konsequentialistische Gründe, sich um künftige Generationen zu kümmern, sie reichen aber nicht ganz für die Behauptung aus, dass die positive Beeinflussung der langfristigen Zukunft eine zentrale moralische Priorität unserer Zeit ist. Für den Longtermism ist eine prinzipielle Sensibilität für das potenzielle Ausmaß der Zukunft — und den Einfluss, den unsere Handlungen auf sie haben werden — schließlich  sehr bedeutend.

In jedem Fall muss man sich nicht mit einer bestimmten ethischen Theorie identifizieren, um longtermistisch zu denken. Genau so, wie es absolut in Ordnung ist, sich für Umweltschutz einzusetzen, ohne sich für die dafür plausibelste Moraltheorie zu entscheiden, ist es natürlich ebenso in Ordnung, Longtermism ganz unabhängig von ethischen Theorien zu bewerten — eben nur anhand der für ihn stehenden Argumente. 

Aber schließlich ist es doch ein wichtige Frage: Es stimmt, dass gewisse Formen des Utilitarismus besonders starke Formen des Longtermism befürworten. Ganz vorne mit dabei — der „Gesamtutilitarismus“. Hier wird der Wert einer Handlung von ihren Auswirkungen bestimmt, indem die Gesamtmenge an Wohlbefinden, die sie beinhalten, einfach zusammengerechnet wird. Die Philosophen Hilary Greaves und William MacAskill erläutern in „The case for strong longtermism“, wie aus den Standardversionen des Gesamtutilitarismus neue, stärkere Versionen des Longtermism hervorgehen könnten. 

Foto von drmakete lab

Verlangt Longtermism von uns, dass wir der Zukunft gigantische Opfer bringen? Ist das nicht eine große Zumutung?

Wenn der Schutz und die Verbesserung der langfristigen Zukunft so wichtig sind, wie Longtermism behauptet, könnte es sinnvoll sein, aus Sorge um künftige Generationen auf viele Vorteile bzw. Annehmlichkeiten in der Gegenwart und näheren Zukunft zu verzichten. Man könnte anmerken, dass es nach dieser Argumentation eigentlich keine Grenze geben kann für das, was wir laut Longtermism der Zukunft schulden.

In theoretischen Diskussionen stellen sich häufig die oft schwierig zu beantwortenden Fragen darüber, wie viel eine Generation wirklich bereit sein sollte, für die Zukunft zu opfern. Vertreter:innen von extremeren Varianten des Longtermism könnten in der Tat behaupten, dass wir eine enorm hohe moralische Verpflichtung haben, die Zukunft zu schützen, da so viel auf dem Spiel steht und es absolut keine Grenzen für das gibt, was von uns verlangt werden kann. Wenn dies zutrifft, dann kann es durchaus richtig sein, Opfer zu bringen, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Longtermism ist trotzdem absolut vereinbar mit einer strikten Begrenzung dessen, was von einer einzelnen Generation verlangt werden kann.

Glücklicherweise ist diese Diskussion weitestgehend überflüssig, da die Welt derzeit so gut wie nichts dafür ausgibt, die langfristige Zukunft direkt zu schützen und zu verbessern. Natürlich geben wir einen Teil unserer Ressourcen für Projekte aus, die die Zukunft zufällig verbessern könnten, wie z. B. hoch aufwendige Projekte zur Abschwächung der Auswirkungen des Klimawandels. Aber global gesehen werden derzeit nur sehr wenige Ressourcen dafür aufgewendet, die langfristige Zukunft positiv zu beeinflussen. Teilweise streiten sich Longtermist:innen darüber, in welchem Umfang solche Ausgaben ideal wären, sind sich aber einig, dass es sinnvoll wäre, viel mehr auszugeben und zu tun.

In den letzten Jahren wurden jährlich etwa 200 Millionen Dollar für Zwecke im Sinne des Longtermism ausgegeben. Etwa 20 Milliarden Dollar wurden bisher von Philanthrop:innen, die sich für langfristige Ideen engagieren, bereitgestellt (dieser Artikel gibt einen guten Überblick über die Finanzierungssituation). Das bedeutet, dass weniger als ein Teil von 100.000 (0,001 %) des Bruttoweltprodukts (des Gesamteinkommens aller Länder der Welt) bewusst für den Schutz des langfristigen Schicksals der Menschheit eingesetzt wird — weniger als die Hälfte des Gesamteinkommens der zehn bestbezahlten Athlet:innen der Welt, weniger als  0,2 % der Einnahmen aus der US-Casino-Glücksspielindustrie und weniger als 5 % des Betrags, der in den USA jährlich für Eiscreme ausgegeben wird.

Aber es ist auch wichtig, ehrlich darüber zu sein, wo und in welchem Ausmaß Longtermism tatsächlich bedeuten könnte, dass man im Namen künftiger Generationen Opfer in der Gegenwart bringen muss. Wenn man der Meinung ist, dass etwas eine moralische Hauptpriorität unserer Zeit ist und dass die Gesellschaft das Gewicht dessen gegenwärtig noch unterschätzt, dann zeigt das sehr eindeutig, wie wir unsere Ressourcen ausgeben und unsere Aufmerksamkeit verteilen sollten. So gesehen schreibt Longtermism ziemlich klar vor, wie unsere Gesellschaft ihr Geld ausgeben sollte, welche politischen Maßnahmen und Normen am besten geeignet sind und wie der/die Einzelne durch seine/ihre berufliche Laufbahn einen positiven Unterschied machen kann. Weiterhin könnte Longtermism auf ein überraschendes Maß an Vorsicht und Verzögerung bei der Verfolgung potenziell gefährlicher Technologien oder zu überraschend hohen Investitionen in Maßnahmen zum Schutz vor Katastrophen führen, deren Auswirkungen weit in die Zukunft reichen. Es wäre also unehrlich zu sagen, dass bei Longtermism nichts von uns verlangt wird. Die Ansprüche, die er stellt, sind jedoch nicht unzumutbar.

Mit dem Gedanken, dass es meistens richtig ist, Opfer für andere zu erbringen, sind wir bereits vertraut. Wir wären bereit, unsere teuren Schuhe zu ruinieren, um ein ertrinkendes Kind zu retten. Wir würden eine lukrative Karriere aufgeben, um bei der Erziehung unserer Tochter zu helfen. Manche Dinge sind ganz offensichtlich wichtig genug, um zumindest ein gewisses Maß an Opfern zu verlangen. Wenn wir Longtermism zustimmen, dann ist die langfristige Zukunft von großer Bedeutung. Wenn sich also die Gelegenheit bietet, diese Zukunft zu unterstützen, indem wir kurzfristig auf etwas verzichten, dann wäre es longtermistisch gesehen gerechtfertigt, das von uns zu verlangen. 

Man darf sich jedoch darüber streiten, wie viel im Longtermism-Kontext von uns gefordert werden darf, wenn diese Forderungen mit anderen moralischen Werten in Konflikt geraten. Schauen wir uns einmal an, wie philanthropische Mittel ausgegeben werden: Es gibt viele dringende Probleme in der Welt, die Ressourcen sind jedoch endlich. Läge es an einem selbst, wo diese Mittel hinfließen, stünde man vor einer ziemlich schweren Entscheidung, denn jedes Geld, das in Longtermism-Ziele (wie z. B. Biosicherheit) gesteckt wird, könnte man genauso gut für die Ausrottung von Malaria oder für den Tierschutz ausgeben. Wenn wir uns entscheiden, für eine Sache zu spenden, vernachlässigen wir in gewisser Weise eine andere Sache; dies könnte man als eine Art Opferbringung sehen. Natürlich kann man berechtigterweise die Ansicht haben, dass Longtermism nicht die einzige ethische Theorie ist, bei der Anforderungen daran gestellt werden, was man mit seiner Zeit und seinem Geld macht, oder wie die Gesellschaft entscheidet, welche Prioritäten sie setzt. Man könnte durchaus die Meinung vertreten, dass eine weitere wichtige Priorität unserer Zeit sein sollte, Menschen aus der Armut zu helfen. Auf die Frage, ob dieses Ziel gegenüber Longtermism-Zielen priorisiert werden sollte, gibt es keine klare Antwort. Und dies würde auch den Rahmen einer bescheidenen FAQ sprengen.

Glühbirne von Júnior Ferreira

Was hat Longtermism mit Effektiven Altruismus zu tun?

Effektiver Altruismus ist eine Philosophie, bei der auf evidenzbasierte und rationale Weise Wege gefunden werden, mit den beschränkten Ressourcen Zeit und Geld die dringendsten Probleme unserer Welt so anzugehen, dass möglichst vielen empfindungsfähigen Wesen ein besseres Leben ermöglicht wird. Hierbei geht man sowohl intellektuell als auch praktisch an bestehende Probleme heran. Effektiver Altruismus ist der Versuch, ein breites Forschungsfeld aufzubauen, das sich darauf konzentriert, die besten Wege zu finden, Gutes zu tun. Aber es geht auch darum, die Ergebnisse dieser Forschung in die Praxis umzusetzen und echte positive Veränderungen zu schaffen.

Um dieses Projekt herum hat sich eine große internationale Gemeinschaft gebildet. Leute, die zur Gemeinschaft des Effektiven Altruismus gehören, setzen sich für eine Vielzahl von Anliegen ein — von der Verbesserung des Tierwohls sowie der weltweiten Gesundheits- und Armutssituation bis hin zum Versuch, das Risiko globaler Katastrophen, wie etwa einer verheerenden Pandemie, zu verringern.

Vieles von dem, was heute als „Longtermism“ bezeichnet wird, wurde von Menschen entwickelt, die Teil des Effektiven Altruismus waren und sind. Die grundlegenden Ideen wurden jedoch schon lange bevor es Effektiven Altruismus gab entwickelt.

Sowohl Longtermism als auch Effektiver Altruismus sind intellektuelle Bewegungen: eine Reihe von Kerngedanken und -fragen, die die Forschung interdisziplinär anstoßen und zum Handeln anregen wollen. Des Weiteren wird der Gemeinschaftsgedanke bei Effektivem Altruismus großgeschrieben: Eine wachsende Zahl von Menschen auf der ganzen Welt identifiziert sich mit seinen Kernideen und arbeitet auf gemeinsame Ziele hin. Gegenwärtig würden sich viele Menschen, die sich Longtermism zuordnen, auch als Teil dieser Gemeinschaft bezeichnen. Die beiden Ausrichtungen gehören aber nicht zwingend zueinander: Obwohl es recht naheliegend ist, dass ein Interesse am Effektiven Altruismus auch zu einem besonderen Fokus auf Longtermism führen könnte, muss man nicht zwangsweise auch Teil des Effektiven Altruismus sein um sich für Longtermism zu interessieren — und umgekehrt.

Überhaupt besteht bei Longtermism keine Notwendigkeit, sich irgendeiner „Gemeinschaft“ oder „Identität“ zuzuordnen. Es gibt viele Menschen, die sich ggf. irgendwann einmal mit Problemen beschäftigen, die mit Longtermism zu tun haben; dazu müssen sie sich jedoch keiner Longtermism-Gemeinschaft zugehörig fühlen. In dieser Hinsicht könnte man Longtermism mit umfassenderen Ethik-Konzepten vergleichen, wie z. B. Menschenrechten, oder mit Wirtschaftsparadigmen, wie nachhaltiger Entwicklung. Hier ist es häufig ähnlich: viele Forscher:innen, Aktivist:innen und politische Entscheidungsträger:innen interessieren sich zwar womöglich sehr für diese Ideen, würden sich dabei aber nie als Teil von Menschenrechts- oder Nachhaltigkeits-„Gemeinschaften“ bezeichnen.

Man muss sich also nicht mit Effektivem Altruismus identifizieren, um auf eine Verbesserung der langfristigen Zukunft hinzuarbeiten. In der Praxis identifizieren sich viele Menschen, die in wichtigen langfristig ausgerichteten Organisationen arbeiten, auch nicht großartig mit Effektivem Altruismus und sie kommen aus allen möglichen sozialen, spirituellen und politischen Bereichen.

Foto von Mark Basarab

Warum sollen wir uns überhaupt um die langfristige Zukunft kümmern, wenn wir als Menschheit sowieso aussterben werden?

Man könnte meinen, dass sich die Menschheit derzeit auf einem Weg befindet, der in nicht allzu ferner Zukunft zum Aussterben oder zur völligen Zerstörung führt. Wenn dies zutrifft, ist die langfristige Zukunft eher unwichtig (da die Menschheit dann nicht mehr existieren wird), so dass es wenig Sinn machen würde, sich der Zukunftsverbesserung zu widmen.

Diese Überzeugung allein würde jedoch nicht ausreichen, um zu dem Schluss zu kommen, dass Longtermism unnötig ist — solange wir eine gewisse Kontrolle darüber haben, ob wir aussterben werden. Höchstwahrscheinlich ist folgendes Fakt: Die Hauptrisiken für das Überleben der Menschheit werden alle vom Menschen verursacht, also muss es dem Menschen möglich sein, sie einzudämmen. Daher sollte die Schlussfolgerung Longtermism-gerecht eigentlich lauten, dass die Vermeidung des Aussterbens eine moralische Priorität sein sollte, um die Welt so zu gestalten, dass Tausende künftiger Generationen hier noch ein gutes Leben haben können.

Damit der zu Anfang genannte Einwand wirklich Sinn ergibt, müsste man davon überzeugt sein, dass wir: 

  1. wahrscheinlich bald aussterben werden und 
  2. nichts dagegen tun können. 

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass beides zutrifft. Wenn das Risiko, dass der Mensch ausstirbt, hoch ist (und die erwartete Zahl künftiger Generationen daher niedrig), gibt es vermutlich viele Dinge, die wir tun können, um dieses Risiko zu verringern. Wenn das Risiko hingegen gering ist, kann es schwieriger sein, das Risiko noch weiter zu senken. Es ist jedoch bereits sehr unwahrscheinlich, dass wir bald aussterben, sodass wir mit einer großen Zahl künftiger Generationen rechnen sollten.

Manche Menschen befürchten, dass der Klimawandel in den nächsten Jahrhunderten zum Aussterben der Menschheit führen wird. Der Klimawandel wird zwar verheerende globale Auswirkungen haben, es zeigt sich nach umfassender Sichtung der Modelle jedoch, dass das Aussterben der Menschheit als direkte Folge des Klimawandels nicht sehr wahrscheinlich ist (siehe hier, hier und hier).

Die Auswirkungen des Klimawandels abzuschwächen ist zweifelsohne sinn- und wertvoll. Wahrscheinlich verringert sich dadurch auch das Gesamtrisiko des Aussterbens, denn die Schäden des Klimawandels könnten neue „Risikofaktoren“ hervorbringen, indem sie zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit internationaler Konflikte erhöhen. Aber es sieht so aus, als ob weder der Klimawandel noch irgendein anderer vorhersehbarer Trend in absehbarer Zeit zu einem Aussterben der Menschheit führen wird. Wir sind nicht derart unaufhaltbar dem Untergang geweiht, dass wir die Aussicht auf ein langfristiges Überleben aufgeben müssten.

Foto von Milena Canzler

Wieso der Fokus auf die Menschheit? Was ist mit Tieren oder der Natur?

Longtermism legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Menschheit — auf menschliches Potenzial und die Gesellschaft der Zukunft. Aber wir teilen uns den Planeten mit tausenden von nichtmenschlichen Tierarten, die ebenfalls moralischen Wert haben, vor allem, weil viele von ihnen leidensfähig sind. Auch könnten andere Aspekte der Natur interessant und schützenswert sein: Vielleicht gibt es Gebiete auf der Welt, die der Mensch noch nicht beschädigt oder für sich eingenommen hat und diese sollten geschützt werden. Warum also der Fokus auf den Menschen?

Der Grund liegt darin, dass sich der Mensch (im positiven, wie im negativen Sinne) in einer Position der Verantwortung und Kontrolle über das Schicksal der Tiere und der Natur befindet. Er ist als einziges Lebewesen dazu in der Lage, rational über Moral sowie die  Verbesserung der Zukunft nachzudenken und dementsprechend zu handeln. Tiere und sogar ganze Ökosysteme sind daher Subjekte unserer ethischen Entscheidungen — sprich, es sind diejenigen, um die wir uns kümmern sollten. Der Mensch aber ist der einzige Akteur im ethischen Kontext — er ist in der Lage zu planen, was aus moralischer Sicht richtig und falsch ist.

Das Potential der Menschheit sollte also viel weniger als „die Zukunft der menschlichen Spezies” verstanden werden, sondern viel eher in der Hinsicht, dass der Mensch das Potenzial hat, eine sinnvolle Zukunft für die Welt zu wählen und zu erschaffen.

Darüber hinaus muss der Wert der langfristigen Zukunft nicht nur durch die Menschen bestimmt werden, die in ihr leben werden — man kann sich genauso gut für die langfristige Verbesserung des Tierwohls oder den Schutz der Natur einsetzen. Dies ist bereits jetzt der Fall: Viele Longtermist:innen sind auch überzeugte Veganer:innen oder Vegetarier:innen.

Foto von Lucas Santos

Longtermism basiert stark auf Spekulation. Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Handlungen wirklich die erhofften Auswirkungen haben, ist enorm gering. Sollten wir uns wirklich darauf verlassen?

Ein häufig genanntes Argument gegen Longtermism ist, dass er lediglich auf vagen Spekulationen über die Zukunft beruht und sich diese höchstwahrscheinlich sowieso nicht bewahrheiten werden. Nichtsdestotrotz werden sie anhand der Bedeutung dessen definiert, was auf dem Spiel steht — sodass selbst die geringste Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs es offenbar wert macht, viel für dafür zu tun. Dies kann auf manche Menschen fast schon fanatisch wirken, vor allem dann, wenn Menschen und Ressourcen, die in langfristige Projekte fließen, andernfalls für weitaus unmittelbarere, dringendere Probleme eingesetzt werden könnten.

Dieses Problem ist vor allem dann von Bedeutung, wenn es um die Eindämmung existenzieller Gefahren geht: Gefahren, die das Zukunftspotenzial der Menschheit einzuschränken drohen, da sie zum Aussterben der Menschheit oder zumindest zu irreparablen Schäden führen könnten. Wir wissen zum Beispiel, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Asteroid in diesem Jahrhundert mit der Erde kollidiert, verschwindend gering ist — aber da dies die gesamten Zukunftsaussichten der Menschheit zerstören würde, würden Longtermist:innen vielleicht empfehlen, große Summen in ein Asteroidenabwehrsystem zu stecken. Irgendetwas an dieser Argumentation scheint verdächtig.

Es stimmt, dass die Überlegungen von Longtermist:innen zwangsläufig in ungewöhnlichem Maße auf Hochrechnungen mit unvollständigen Daten, der Anwendung höchst kreativer Prognosemethoden und der Inkaufnahme großer Unsicherheiten beruhen. Es stimmt aber nicht, dass Longtermism seinen Wert darüber definiert, dass er potenziell enorm großartige Zukunftsaussichten mit verschwindend geringen Wahrscheinlichkeiten zusammenmultipliziert oder dergleichen. 

Nehmen wir uns z. B. das Thema „Vermeidung katastrophaler Gefahren”. Hier wird nicht gesagt, dass die Risiken zwar winzig sind, aber die „Belohnung“, die verschwendet wird, im Verhältnis noch größer wäre. Das Problem ist vielmehr, dass viele der Gefahren unvertretbar und untragbar hoch erscheinen. Außerdem sieht es so aus, als ob es möglich wäre, sie in bedeutendem Maße zu reduzieren. Tatsächlich braucht man gar nicht immer zukünftige Generationen als Beispiel, um zu erkennen, warum wir mehr tun sollten, um diese Risiken anzugehen — wie der Forscher Carl Shulman in dieser Podcast-Folge erklärt.

Warum es besonders besorgniserregend sein könnte, wenn es darum geht, dass die Wahrscheinlichkeit eines positiven Ausgangs der Zukunftsspekulationen so gering ist, liegt daran, dass man dabei auf fast sichere Vorteile verzichtet oder sogar sehr wahrscheinlich auch kleine Schäden verursacht. Aber auch das ist bei Longtermism nicht der Fall. Es zeigt sich, dass longtermistische Maßnahmen auch für die nahe Zukunft von großem Nutzen sein können und selbst in den Fällen, in denen sie nicht unbedingt eine existenzielle Katastrophe abwenden, einige bedeutende Vorteile bringen. Die meisten Maßnahmen gegen schlimme Pandemien helfen auch gegen weniger schwere. Dies gilt auch für die Bewältigung der Risiken, die sich aus dem extremen Klimawandel, aus Atomkriegen oder fehlgeleiteter künstlicher Intelligenz ergeben — die Arbeit gegen all diese Dinge wird sehr wahrscheinlich auch relativ kurzfristig nützlich sein, selbst wenn die schlimmsten Szenarien nicht eintreten.

Natürlich wird es stets Ungewissheit darüber geben, wie genau die Zukunft aussehen wird. Trotzdem gibt es Maßnahmen, die wir jetzt ergreifen können und die für die langfristige Zukunft von großem Nutzen zu sein scheinen — wie die Verringerung der Wahrscheinlichkeit eines Großmachtkonflikts in diesem Jahrhundert oder die Entwicklung von Maßnahmen gegen künstlich erzeugte Pandemien.

Foto von Arthur Mazi

Könnte Longtermism Totalitarismus oder andere politische Schäden rechtfertigen?

Ein wesentliches Merkmal von Longtermism ist die Erkenntnis, dass enorm viel auf dem Spiel steht: Der Wert der langfristigen Zukunft könnte außerordentlich hoch sein, aber er befindet sich in der Schwebe, denn er hängt von unseren heutigen Handlungen ab. Was ist, wenn die beste oder einzige Möglichkeit, die Zukunft zu sichern, darin besteht, ein höchst unangenehmes politisches Regime durchzusetzen oder in naher Zukunft schweren Schaden anzurichten?

Man könnte sich z. B. die Situation vorstellen, in der wir in diesem Jahrhundert eine so gefährliche und kostengünstige Technologie entwickeln, dass ernsthafte Maßnahmen wie Massenüberwachung notwendig werden, um eine Katastrophe zu vermeiden (siehe Bostrom (2019), „The Vulnerable World Hypothesis“). Man stelle sich eine Welt vor, in der Biotechnologie so weit fortgeschritten ist, dass bereits clevere Schüler:innen in der Lage sind, einen tödlichen, hochinfektiösen Erreger zu erzeugen und freizusetzen. Um zu verhindern, dass infolgedessen katastrophale Pandemien die Welt heimsuchen, könnten Regierungen beschließen, aufdringliche Überwachungs- und Durchsetzungsmechanismen einzuführen, um dies zu verhindern. Bei solchen Szenarien können derartige Maßnahmen durchaus sinnvoll erscheinen. Diese Denkweise ist besonders besorgniserregend. Und das nicht zuletzt, weil sie verdächtig nach den Rechtfertigungen des Totalitarismus und den Gräueltaten totalitärer Regime klingt, die uns aus der Geschichte bekannt sind.

Natürlich kann man alle möglichen Zitate aus Texten über Longtermism aufgreifen und sie aus dem Kontext gerissen wiedergeben. Die Befürchtung, dass Longtermism große politische Schäden rechtfertigen könnte, ist also durchaus verständlich. Allerdings ist nicht ganz klar, was das mit dem zu tun hat, woran Longtermist:innen derzeit arbeiten oder worum sie sich kümmern.

Tatsächlich ist Totalitarismus für Longtermist:innen besonders besorgniserregend, weil ein totalitäres Regime, das durch neuartige Überwachungstechnologien unterstützt wird, in sich selbst die Art von existenziellem Risiko darstellen könnte, das Longtermist:innen verhindern wollen. Daher konzentrieren sich viele Diskussionen und Maßnahmen innerhalb der Longtermism-Bewegung auf die Verbreitung politischer Normen, die sich im Laufe der Zeit bewährt haben — Antiautoritarismus, Liberalismus und die Idee einer offenen Gesellschaft.

Die totalitären Regime der Vergangenheit waren für die schlimmsten Gräueltaten in der Geschichte der Menschheit verantwortlich: Leid und Tod, die nicht durch die Natur, sondern durch menschliche Entscheidungen verursacht wurden. Diese Regime sind mit entsetzlichen Folgen gescheitert, und zwar nicht nur, weil sie übereifrig waren, Opfer für eine bessere Zukunft zu bringen, sondern weil sie schlicht und ergreifend dem Irrtum unterlagen, dass revolutionäre Gewalt und echter Totalitarismus die Welt kurz- oder langfristig besser machen. Man kann sich daher kaum ein realistisches Szenario vorstellen, in dem die Longtermism-Perspektive für den Einsatz von Massenrepression oder Gewalt plädieren würde, andere vernünftige Perspektiven dies jedoch nicht täten (z. B. die Entscheidung für den Kampf gegen die Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg).

Dennoch sind die Bedenken stets berechtigt, dass longtermistische Ideen verdreht oder falsch interpretiert werden könnten, um in Zukunft politische Schäden zu rechtfertigen. Wir wissen, dass selbst die edelsten Absichten in den Händen normaler, fehlbarer Menschen unter Umständen zu schrecklichen Konsequenzen führen können. Wenn diese Sorge berechtigt ist, sollten wir sehr darauf achten, longtermistische Ideen sensibel und ehrlich zu vermitteln und zu vermeiden, dass sie missbraucht oder in gefährliche Richtungen gelenkt werden.

Foto von Cassie Matias

Dem Thema Klimawandel scheinen Longtermist:innen viel weniger Beachtung zu schenken als ich erwartet hätte. Wie kommt das?

Wenn man über Möglichkeiten zur Verbesserung der langfristigen Zukunft nachdenkt, kommt einem sehr häufig sofort der Klimawandel in den Sinn. Zweifelsohne ist klar, dass der Mensch das Klima der Erde stört und dass der Klimawandel verheerende Auswirkungen haben wird, wie z. B. extremere Wetterereignisse, massenhaften Lebensraumverlust von (vor allem armen) Menschen und das Aussterben tausender Arten. Einige dieser Auswirkungen könnten sehr lange andauern, da Treibhausgase über zehntausende von Jahren in der Erdatmosphäre verbleiben können. 

Und es liegt in unserer Hand, wie viel Schaden wir anrichten. Wir haben die Macht, umweltfreundlichere Technologien zu entwickeln, mehr kohlenstofffreie Energiequellen zu nutzen und die Preise für Kohlenstoffemissionen den tatsächlichen Sozialkosten anzupassen. Aus diesen Gründen haben Longtermist:innen gute Gründe, sich besonders um den Klimawandel zu kümmern und viele arbeiten auch aktiv an Klimafragen (siehe dazu z. B. diesen Artikel). Dennoch scheint sich Longtermism insgesamt eher um andere Probleme zu drehen, von denen viele bei weitem nicht so einleuchtend klingen. Wie kommt das?

Die meiste Sorge bereitet Longtermist:innen die Möglichkeit einer existenziellen Katastrophe: ein Ereignis, das das langfristige Potenzial der Menschheit unwiderruflich zerstören würde. Der Klimawandel wird manchmal als „existenzielle Bedrohung“ bezeichnet, diese Bezeichnung legt die Messlatte jedoch extrem hoch. Der Philosoph Toby Ord schätzt die Wahrscheinlichkeit einer direkt durch den Klimawandel verursachten existenziellen Katastrophe im nächsten Jahrhundert auf etwa 1:1.000; im Gegensatz dazu ist das geschätzte Risiko durch künstlich herbeigeführte Pandemien 30 Mal höher und das Risiko durch fehlgeleitete künstliche Intelligenz (nach Ords Schätzung) etwa 100 Mal höher. Sicherlich ist der Klimawandel ein fortwährender globaler Notfall. Nach unserem derzeitigen Wissensstand scheint es jedoch unwahrscheinlich, dass er zum Aussterben der Menschheit führt.

Auch wenn viele Klimabefürworter:innen den Klimawandel als „existenzielle Bedrohung“ bezeichnen, entspricht er streng genommen nur begrenzt der Definition, wie sie von Longtermist:innen verstanden wird. Was als erhebliche Meinungsverschiedenheit über die Schwere der Auswirkungen des Klimawandels erscheinen mag, könnte also zum Teil darauf zurückzuführen sein, dass die Begriffe unterschiedlich definiert und verwendet werden.

Ein weiterer Grund, warum einige Longtermist:innen andere Bedrohungen als den Klimawandel priorisieren, ist die Tatsache, dass bereits ein beträchtliches Maß an Aufmerksamkeit und Ressourcen in die Eindämmung des Klimawandels fließt. Das Thema wird daher vergleichsweise weniger vernachlässigt als beispielsweise die Themen Verringerung der Gefahren durch Atomwaffen, künstliche Krankheitserreger oder künstliche Intelligenz. Je mehr Mittel für ein Problem aufgewendet werden, desto weniger Wirkung werden zusätzliche Mittel haben. Daher gibt es wahrscheinlich relativ wenig sogenannte „low hanging fruits“ („niedrig hängende Früchte“), die man noch pflücken kann, also Gelegenheiten mit wenig Aufwand eine große Wirkung zu erzielen, um Fortschritte bei der Eindämmung des Klimawandels zu erzielen, verglichen mit anderen, eher vernachlässigten Themen. Rund eine Billionen Dollar pro Jahr werden derzeit in umweltfreundliche Technologien und andere Eindämmungsstrategien investiert. Non-Profit-Organisationen geben derzeit geschätzt um die 10 Milliarden Dollar pro Jahr aus. Betrachten wir im Gegensatz dazu die Bedrohung durch eine Pandemie, die schlimmer ist als das Corona-Virus. Covid-19 hat mehr als zehn Millionen vorzeitige Todesfälle und wirtschaftliche Schäden in Billionenhöhe verursacht, es fließen jedoch weniger als 100 Millionen Dollar an gemeinnützigen Geldern in die Verbesserung der Pandemiebereitschaft (Stand 2019). Es sieht also so aus, als ob eine zusätzliche Wissenschaftlerin / ein zusätzlicher Wissenschaftler oder eine Spende deutlich mehr im Kampf gegen die nächste Pandemie bewirken kann, als sie es im Kampf gegen den Klimawandel könnte.

Idealerweise sollten praktische Lösungen von Problemen im Zusammenhang mit dem Klimawandel finanziell viel mehr unterstützt werden als es aktuell der Fall ist. Doch leider sind unsere Ressourcen natürlich endlich. Damit wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln den größtmöglichen Nutzen erzielen, ist es wichtig, die dringendsten Probleme zu identifizieren und anzugehen, auch auf Kosten anderer wichtiger Probleme.

Abgesehen davon gibt es aber trotzdem Möglichkeiten, den Klimawandel zu bekämpfen, die aus longtermistischer Sicht besonders vernachlässigt erscheinen. Es herrscht aktuell eine rege Diskussion über Kernenergie und darüber, wie sichergestellt werden kann, dass Geo-Engineering sicher und verantwortungsvoll durchgeführt wird. Ein weiteres wichtiges Beispiel ist die Arbeit an der Modellierung von Worst-Case-Auswirkungen, wie z. B. den „Ausreißer“-Effekten — da diese Szenarien irreversible Schäden verursachen könnten, die weit in die Zukunft reichen. Eine solche Modellierung kann uns auch helfen, andere Gefahren zu untersuchen und abzumildern, etwa die klimatischen Auswirkungen eines groß angelegten Atomkriegs, des Ausbruchs eines Supervulkans oder des Einschlags eines massiven Asteroiden.

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