Welche Rolle spielt es, ob wir in einem reichen Industrieland zur Welt gekommen sind?
Dieser Artikel wurde am 9. Dezember 2021 von Max Roser im englischen Original auf Our World in Data veröffentlicht und im Jahr 2023 ins Deutsche übersetzt.
Die Weltbank hat neue Zahlen zu Armut und Ungleichheit vorgelegt.
Die in diesem Artikel verwendeten Daten sind älteren Datums und in der Vergleichswährung „Internationaler $“ (Basisjahr 2011) angegeben.
Mittlerweile hat die Weltbank ihre Berechnungsmethoden geändert und misst die Einkommen nun in „Internationalen $“ (Basisjahr 2017). Damit einhergehend ergibt sich eine neue internationale Armutsgrenze — der Wert, ab dem bzw. unter dem ein Mensch als extrem arm gilt.
Aber dieser Wert trägt nicht unbedingt zu einem besseren Verständnis darüber bei, was Armut und Ungleichheit in der Welt nun eigentlich sind.
Statt 1,90 $ jetzt 2,15 $: die neue Armutsgrenze
Nähere Informationen zur neuen Berechnungsmethode der Weltbank
Erfahren Sie mehr über die neuesten Daten der Weltbank zu Armut und Ungleichheit
Wie gesund, gutsituiert und gebildet wir sind, wird nicht maßgeblich davon bestimmt, wer wir sind, sondern wo wir leben. Auch Lerneifer und Arbeitswille spielen eine Rolle, aber bei Weitem keine so große wie ein Umstand, auf den wir alle keinen Einfluss nehmen können: ob wir in einem hochentwickelten Industrieland das Licht der Welt erblickt haben oder nicht.
Die globale Ungleichheit in Bezug auf Einkommen ist enorm. Die Grafik (siehe unten) zeigt das. Wie bei allen in diesem Text verwendeten Daten werden auch darin die Unterschiede in den Lebenshaltungskosten berücksichtigt.
Die große Mehrheit der Menschen ist sehr arm. Die Ärmsten unserer Welt – fast 4 Milliarden Menschen – verfügen über weniger als 6,70 $ pro Tag.
Wenn dir täglich 30 $ zur Verfügung stehen, dann gehörst du zu den reichsten 15 Prozent der Welt (die Armutsgrenze in Ländern mit hohem Einkommen liegt bei etwa 30 $ pro Tag).

Ungleichheit kann innerhalb eines Landes sehr ausgeprägt sein. Die USA – ein Staat mit hohem Einkommen, in dem die Ungleichheit der Einkommensverteilung ausgesprochen groß ist – sind ein Paradebeispiel dafür. Doch die weltweite Ungleichheit herrscht überwiegend zwischen Staaten. Die folgende Grafik verdeutlicht dies. Sie stellt die Einkommensverteilungen der USA und Burundis gegenüber.

Ausgeprägte wirtschaftliche Ungleichheit heißt ausgeprägte Ungleichheit in Bezug auf den Lebensstandard
Die große wirtschaftliche Ungleichheit ist nur eine Dimension der globalen Ungleichheit. Es gibt viele andere Dinge, die Menschen am Herzen liegen.
Weil jedoch ein hohes Einkommen für einen guten Lebensstandard so wichtig ist, drücken sich diese anderen Ungleichheiten in der wirtschaftlichen Ungleichheit aus. Diejenigen, die mehr Geld haben, sind in vielerlei Hinsicht im Vorteil.
Die folgenden Grafiken zeigen in 12 verschiedenen Dimensionen, wie das Leben auf verschiedenen Einkommensstufen aussieht.

Auf der x-Achse einer jeden Grafik ist das Pro-Kopf-BIP angegeben, das durchschnittliche Einkommen in einem Land. Die Grafiken sagen Folgendes aus (von oben links aus gelesen): In Ländern mit höheren Einkommen leben die Menschen länger, weniger Kinder sterben, weniger Mütter sterben, mehr Ärzte stehen für weniger Patienten zur Verfügung, Menschen kommen leichter an sauberes Trinkwasser und Strom, sie reisen mehr, haben mehr Freizeit und Zugang zu Bildung, ihre Ergebnisse in Prüfungen sind besser und überhaupt sind die Menschen mit ihrem Leben zufriedener.
Die ungleichen Lebensstandard spiegeln sich in der globalen wirtschaftlichen Ungleichheit wider.
Man kann es gar nicht genug betonen, wie groß die Unterschiede sind. Die Lebenserwartung in den ärmsten Ländern ist um 30 Jahre niedriger als in den reichsten Ländern unserer Welt. Auch habe ich unlängst über die weltweit gravierenden Unterschiede in Sachen Bildung entlang der ökonomischen Dimension geschrieben.
Wie wohlhabend eine Person ist, wird maßgeblich von ihrem Aufenthaltsort bestimmt
Sich vor Augen zu führen, wie stark unser Lebensstandard von der Produktivität der Ökonomie abhängt, in der wir leben, sollte einen großen Einfluss auf unser Selbstverständnis haben und darauf, wie wir andere wahrnehmen. In einer Welt, in der eine so gravierende Ungleichheit zwischen den Ländern herrscht, ist es nicht ausschlaggebend, wer eine Person ist, also welche Charaktereigenschaften sie hat etc. Wo die Person lebt, entscheidet, wie arm oder reich sie ist.
Um sich das zu verdeutlichen, stelle dir eine Welt vor, in der keine Ungleichheit zwischen den einzelnen Ländern herrscht. Wären alle Länder gleich reich, würde der Standort keine Rolle dafür spielen, an welcher Stelle man sich in der globalen Einkommensverteilung wiederfindet.
Stelle dir nun eine Situation extremer Ungleichheit zwischen Ländern vor, in etwa wie die heutige Ungleichheit zwischen einem armen und einem reichen Land.1 In diesem Fall bestimmt das Herkunftsland einer Person alles. Das verdeutlichen die Daten für Äthiopien und Dänemark: Hier sind die Einkommensunterschiede so gravierend, dass es keine Überlappung gibt. Während eine in Dänemark geborene Person fast sicher ein Einkommen über dem globalen Mittel hat, haben in Äthiopien geborene Personen fast sicher ein Einkommen unter dem globalen Durchschnitt.

Von diesen beiden Ländern abgesehen, wie sehr beeinflusst das Herkunftsland einer Person, wie gut sie in der globalen Einkommensverteilung dasteht?
Der Ungleichheitsforscher Branko Milanović hat sich mit dieser Frage auseinandergesetzt und fand heraus, dass das Land, in dem eine Person lebt, zwei Dritteln der Varianz von Einkommensunterschieden zwischen allen Menschen unserer Welt erklärt.2 Das heißt: Der Ort an dem eine Person lebt, ist der wichtigste Faktor, der ihr Einkommen bestimmt.
Nur wenige Menschen migrieren zwischen verschiedenen Ländern – das kann an familiären Bindungen liegen oder auch an politischen Restriktionen, die Migration unterbinden. Die meisten Menschen [97%] leben in dem Land, in dem sie auch zur Welt gekommen sind. Somit ist für die meisten Menschen nicht nur das Land, in dem sie leben, sondern auch das Land, in dem sie geboren wurden, bestimmend für die Höhe ihres Einkommens.
Das heißt nun nicht, dass die Arbeitsmoral einer Person, ihre Begabung und ihre Fähigkeiten keine Rolle spielen. Das tun sie durchaus. Aber es heißt durchaus, dass all die persönlichen Faktoren eine viel geringere Rolle spielen als ein Faktor, auf den man keinen Einfluss hat: ob man in einem reichen Industrieland zur Welt gekommen ist oder nicht.
Der Wohnort ist nicht nur entscheidender als alle persönlichen Fähigkeiten und Veranlagungen, sondern auch entscheidender als alle anderen Faktoren zusammen.
Die Wichtigkeit von Umverteilung und Wirtschaftswachstum für die Reduzierung globaler Ungleichheit und die Schaffung höherer Lebensstandards
Die von mir herangezogenen Daten heben drei wichtige, unsere Welt betreffende Tatsachen hervor:
- Das Ausmaß der globalen ökonomischen Ungleichheit ist riesig.
- Wirtschaftlicher Wohlstand ist eine sehr wichtige Voraussetzung für einen hohen Lebensstandard.
- Wie gut eine Person in der globalen Einkommensverteilung dasteht, ist weitgehend außerhalb ihrer Kontrolle.
Welche Lehren können wir aus diesen drei Punkten ziehen?
Umverteilung
Staatliche Umverteilung spielt eine große Rolle bei der Bekämpfung der Ungleichheit innerhalb von Ländern und könnte auch die globale Ungleichheit verringern. Praktisch sieht das anders aus: Egal, in welchem Industrieland du Steuern entrichtest, nahezu nichts davon landet bei den Ärmsten der Welt.3 Die Umverteilung durch den Staat erreicht die Ärmsten Menschen nicht, denn sie passiert auf nationaler und nicht auf internationaler Ebene.
Wenn du jedoch als Privatperson etwas gegen die globale Ungleichheit tun möchten, dann hast du die Möglichkeit dazu: Du kannst etwas von deinem Geld spenden.
Möglicherweise könntest du mit etwas weniger Geld leben, und diese Summe könnte für eine ärmere Person einen großen Unterschied machen.
Der direkteste Weg dafür ist, Menschen in Not direkt Geld zu senden. Die gemeinnützige Organisation GiveDirectly ermöglicht dies. Sie überweist deine Spenden an Menschen, die in extremer Armut leben. Du kannst auch an effektive Organisationen spenden, die erwiesenermaßen kompetente Hilfe leisten und den Ärmsten unserer Welt helfen. In den Fußnoten findest du mehr Informationen dazu, wie man solche Organisationen findet und wie ich Geld spende.4
Wirtschaftliches Wachstum
Einige behaupten, dass Armut ohne zusätzliches Wachstum und einfach durch die Reduzierung globaler Ungleichheit überwunden werden könnte. Das stimmt so nicht. Man kann dadurch zwar viel erreichen, aber es ist wichtig klarzustellen, dass trotz Umverteilung noch immer Milliarden von Menschen unter ärmlichen Bedingungen leben würden. Unsere Welt ist viel zu arm, um der Armut ohne Wachstum Herr zu werden.
Um eine gleichere Welt ohne Armut zu schaffen ist substantielles wirtschaftliches Wachstum erforderlich.5
Das zeigt uns auch ein Blick auf die Geschichte. Vor zwei Jahrhunderten war die Welt viel gleicher: Das Durchschnittseinkommen, das in der Grafik als Pro-Kopf-BIP dargestellt wird, war überall gering und die große Mehrheit der Menschen war extrem arm.
Seitdem haben einige Staaten ein sehr starkes Wirtschaftswachstum erfahren. Schweden ist heute beispielsweise etwa 30 mal reicher als noch vor zwei Jahrhunderten. Andere Ökonomien sind dagegen fast gar nicht gewachsen. Diese ungleiche Entwicklung führte zu der heute herrschenden extremen globalen Ungleichheit.
Die Realitäten der heutigen Ungleichheit sind grausam. Diejenigen, die in einer schnell wachsenden Ökonomie zur Welt gekommen sind, genießen einen viel höheren Lebensstandard als diejenigen, die in einer armen Ökonomie geboren sind. Wirtschaftliches Wachstum für Milliarden von Menschen, die in Armut leben – das ist es, was wir brauchen, um diese Ungerechtigkeit zu überwinden.

Diejenigen Länder, die wirtschaftlich stark gewachsen sind, zeigen uns, wie viel höher der Lebensstandard für alle sein kann.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel: die Müttersterblichkeitsrate. In einkommensstarken Ländern stehen werdenden Müttern moderne Krankenhäuser, qualifizierte Ärzte und Hebammen zur Verfügung, die im Falle von Komplikationen meist das Schlimmste verhindern können. Dass werdende Mütter den Komplikationen erliegen, kommt in unserer Wahrnehmung heute selten vor. Das Risiko für Mütter, bei der Niederkunft zu versterben, hat sich über die letzten Generationen um das 300-fache verringert. In ärmeren Ländern ist das jedoch noch immer üblich: Jedes Jahr sterben 295.000 Mütter bei der Niederkunft.
Wie sähe die Welt aus, wenn das Risiko für diese Todesfälle weltweit so gering wäre wie in den Industrienationen? Die große Mehrheit der werdenden Mütter, die andernfalls dieses Jahr sterben würden, bliebe am Leben.6

Wir wissen, dass das möglich ist. Die Geschichte zeigt: Diejenigen Länder, in denen gute Lebensstandards herrschen, waren wenige Generationen zuvor selbst noch extrem arm.
Fazit
Dies ist eines der wichtigsten Erkenntnisse der Entwicklungsökonomie: Menschen leben nicht in Armut, weil sie sind, wer sie sind, sondern weil sie dort leben, wo sie eben leben. Persönliche Begabungen, Fähigkeiten oder die Arbeitsmoral spielen zwar eine Rolle, aber alle diese Faktoren zusammen fallen weniger ins Gewicht als der eine, der vom Menschen nicht beeinflusst werden kann: ob er nun in einem reichen Land zur Welt gekommen ist oder nicht.
Menschen haben die Chance auf ein besseres Leben, wenn gesellschaftliche Faktoren sich verbessern und die Wirtschaft wächst. Darum geht es bei Entwicklung und wirtschaftlichem Wachstum: einen Ort so zu verändern, dass das, was einst nur Wenigen vorbehalten war, für alle erreichbar wird.
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Danksagung: Ich möchte mich bei Joe Hasell und Toby Ord für ihr Feedback zu diesem Artikel und den Grafiken bedanken.
Fußnoten
- In meinem Post zum Thema Globale Armut in einer ungleichen Welt bin ich detailliert auf die Grafik und die darin aufgezeigten Daten eingegangen. ↩︎
- Branko Milanović (2015) – “Global Inequality of Opportunity: How Much of Our Income Is Determined By Where We Live?", The Review of Economics and Statistics 97(2): 452-460. Online unter folgendem Link abrufbar: https://www.mitpressjournals.org/doi/abs/10.1162/REST_a_00432#.VKCF2CcA
Eine Zusammenfassung dazu findest du unter https://voxeu.org/article/income-inequality-and-citizenship ↩︎ - Siehe diese Grafik zu ODA-Nettoauszahlungen als Anteil am BNE des Geberlandes. Nur wenige Länder erreichen die ODA-Quote von 0,7 % des BNE, was bedeutet, dass der auf Steuern entfallende Anteil sehr gering ist. Ich denke, dass er höher sein sollte. Entwicklungshilfe ich eine Möglichkeit, mit der die Einwohner der reichsten Länder die Situation in den ärmsten Ländern der Welt verbessern könnten. ↩︎
- Eins sollte man sich bei Hilfs- bzw. Wohltätigkeitsorganisationen vor Augen halten: Ihre Effektivität unterscheidet sich stark. Einige erreichen gar nichts oder richten gar mehr Schaden an, als sie Gutes tun. Andere wiederum leisten auf kosteneffiziente Weise hervorragende Arbeit.
"Effektiv Spenden" ist ein Forschungsinstitut, das die Programme von Hilfsorganisation auf ihre Effizienz hin evaluiert. Auf der Webseite des Instituts werden nach eingehender und transparent dargelegter Recherche Organisationen empfohlen, bei denen Spenden gut aufgehoben sind.
Ich würde eine Spende an eine der dort genannten Organisationen empfehlen.
Ich selbst spende über Effective Altruism Funds. Sie stützen sich auf die Empfehlungen von GiveWell, die internationale Version von Effektiv Spenden, engagieren sich aber auch in anderen Bereichen bzw. Feldern. Als Spender kannst du diejenigen Bereiche auswählen, in die deine Spende fließen soll. Darüber hinaus vertraust du dem Team von Effective Altruism Funds, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das hat den Vorteil, dass das Team weit mehr Wissen über kompetente Hilfsorganisationen hat als du oder ich und das Geld genau denjenigen Organisationen zukommen lässt, die zu dem Zeitpunkt der Spende das größte Potential haben und das Geld am dringendsten benötigen. Ich lasse dem Fund monatlich eine Spende zukommen. ↩︎ - Näheres erfährst du in meinem Post "Wie viel Wirtschaftswachstum braucht es, um die weltweite Armut deutlich zurückzudrängen?" ↩︎
- In den reichsten Ländern der Welt ist die Müttersterblichkeitsrate um ein Hundertfaches niedriger als die weltweite (211/2=105,5-fach).
In den reichsten Ländern der Welt beträgt die Müttersterblichkeitsrate je 100.000 Lebendgeburten 2, weltweit 211. [Quelle]
Weltweit sterben jährlich 295.000 Mütter [Quelle].
Das entspricht jährlich (100.000/211)*295.000 =139.810.426 Geburtsvorgängen.
Läge die Müttersterblichkeitsrate bei 2 statt bei 211 je 100.000 Geburten, dann würden (139.810.426/100.000)*2=2.796 Mütter sterben.
[Eine etwas einfachere Berechnung, die zum selben Ergebnis führt: 295.000/(211/2)=2.796]
Jährlich sterben 295.000 Mütter bei der Geburt. Läge die Rate bei dem Wert, den die reichsten Ländern haben, würden 2.800 Mütter sterben. 292.200 würden überleben. ↩︎
