Kapitel 1 – Was macht einen „Traumjob“ aus?
- Es gibt mittlerweile umfassende Forschungsarbeiten darüber, wie gut Menschen die Auswirkungen zukünftiger Ereignisse auf ihr emotionales Wohlbefinden vorhersagen können. Es begann mit Kahneman und Snell in den frühen 1990er Jahren; in den 2000er Jahren war der Harvard-Psychologe Daniel Gilbert einer der führenden Wissenschaftler. Ein Großteil der Forschungsergebnisse ist in Gilberts Buch Ins Glück stolpern zusammengefasst; eine akademische Zusammenfassung gibt es in Gilbert und Wilson (2009). Eine der Erkenntnisse ist, dass wir schlecht voraussagen können, wie wir uns in der Zukunft fühlen werden, und dass wir uns dessen nicht bewusst sind. Wir haben hier schon einmal darüber geschrieben, dass wir schlecht vorhersagen können, wie wir uns fühlen werden (ebenfalls auf Englisch).
Wir sind uns nicht sicher, wie belastbar all diese Ergebnisse angesichts der Replikationskrise sind, und haben keine neueren Arbeiten gefunden, die diese Ergebnisse replizieren.
Besonders besorgt sind wir über Gilberts klare Verneinung der Replikationskrise, die 2016 in Science veröffentlicht wurde. Eine überzeugende Antwort auf Gilbert wurde ebenfalls 2016 in Science veröffentlicht, und wir fanden diesen Blogeintrag des Statistikers Andrew Gelman von der Columbia University zum Thema sehr interessant.
Wir gehen insofern davon aus, dass Gilbert die Ergebnisse überbewertet. Dennoch denken wir, dass der grundlegende Gedanke, dass wir unserer Intuition in diesen Fragen nicht einfach vertrauen können, richtig ist.
- Zwar haben viele Studien die sogenannte Peak-End-Regel bestätigt – die Idee, dass wir Erlebnisse danach beurteilen, wie wir uns an den intensivsten Punkten (also auf dem Höhepunkt und am Ende) fühlen –, aber einige haben sie auch in Frage gestellt.
So stellten Kemp et al. (2008) fest, dass die Peak-End-Regel „kein hervorragender Vorhersagefaktor" ist und dass die denkwürdigsten oder ungewöhnlichsten Momente (nicht unbedingt die intensivsten Momente) relevantere Vorhersagefaktoren für das später in Erinnerung gebliebene Glück sind. Das deutet darauf hin, dass der „Höhepunkt" relevanter ist als das Ende.
Die Peak-End-Regel sagt ungefähr das richtige Glücksniveau voraus, aber die Korrelationen des Peak-End-Durchschnitts mit dem insgesamt in Erinnerung gebliebenen Glück sind im Allgemeinen niedriger als die Korrelationen, die man erhält, wenn man das Glück der Teilnehmer in der denkwürdigsten oder ungewöhnlichsten 24-Stunden-Periode betrachtet... Das insgesamt in Erinnerung gebliebene Glück scheint besser durch das End-Glück vorhergesagt zu werden als durch das Glück auf dem Höchst- oder Tiefststand, und das relative Scheitern der Peak-End-Regel scheint eher auf den Höchststand als auf das Ende zurückzuführen sein.
Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2022, die 58 unabhängige Studien mit einer kumulierten Stichprobengröße von etwa 12.500 Personen untersuchte, fand jedoch „starke Unterstützung" für die Peak-End-Regel.
Der Peak-End-Effekt auf retrospektive Gesamtbewertungen war: (1) groß (r = 0,581, 95 % Konfidenzintervall = 0,487-0.661), (2) robust über die Rahmenbedingungen hinweg, (3) vergleichbar mit dem Effekt des Gesamtdurchschnitts (Mittelwert) und stärker als die Effekte des Trends und der Variabilität über alle Episoden des Erlebnisses hinweg, (4) stärker als die Effekte der ersten (Anfang) und der niedrigsten Intensität (Tiefpunkt) und (5) stärker als der Effekt der Dauer des Erlebnisses – dieser war im Wesentlichen gleich Null, was die Idee der Vernachlässigung der Dauer (engl.: duration neglect) unterstützt.
- Die Methodologie der CareerCast-Studie von 2015 ist hier beschrieben (Archivlink, abgerufen am 02.03.2016).
Wir verwenden die Rankings von CareerCast aus dem Jahr 2015, weil wir sie mit Messungen zur Arbeitszufriedenheit und Sinnhaftigkeit vergleichen wollen. Die letzte große Umfrage zu Arbeitszufriedenheit und Sinnhaftigkeit, die wir finden konnten, wurde von Payscale durchgeführt (Archivlink, abgerufen am 17.08.2022); dafür wurden zwischen dem 06.11.2013 und dem 06.11.2015 Daten von 2,7 Millionen Menschen erhoben.
Die CareerCast-Methodologie von 2021 ist zum großen Teil unverändert und wird hier beschrieben (Archivlink, abgerufen am 27.09.2022).
- Versicherungsmathematiker:in war der am besten bewertete Job in 2015 (Archivlink, abgerufen am 02.03.2016).
Versicherungsmathematiker:in fiel 2021 auf den 9. Platz ab (Archivlink, abgerufen am 05.12.2022).
- Die letzte landesweite Umfrage des britischen Cabinet Office zur Lebenszufriedenheit nach Berufen wurde 2014 durchgeführt (und von der University of Kent veröffentlicht). Die Umfrage ergab, dass „Versicherungsmathematiker:innen, Wirtschaftswissenschaftler:innen und Statistiker:innen" auf Platz 64 von 274 Berufen rangierten und damit zu den besten 23 % gehörten.
In der neueren CareerCast-Umfrage von 2021 lagen Versicherungsmathematiker:innen zwar nicht mehr an der Spitze, waren aber immer noch in den Top 10 vertreten.
BBC-Zusammenfassung (Archivlink, abgerufen am 15.04.2011).
- Die Umfragen von Payscale erfassen Millionen von Arbeitnehmer:innen. Die jüngste Umfrage, bei der es um Jobzufriedenheit und Sinnhaftigkeit der Arbeit ging, wurde von 2013 bis 2015 durchgeführt. Die Umfrage ergab, dass nur 36 % der Versicherungsmathematiker:innen ihre Arbeit als sinnvoll empfinden. Die Arbeitszufriedenheit war mit 80 % zwar hoch, aber eine beträchtliche Anzahl von Jobs wurde noch höher bewertet.
- In einer Gallup-Umfrage vom Oktober 2021 (Archivlink, abgerufen am 16.02.2023) wurden 13.085 Beschäftigte in den USA gefragt, was ihnen bei der Entscheidung, ob sie eine neue Stelle bei einem neuen Arbeitgeber annehmen, am wichtigsten ist. 64 % der Befragten gaben an, dass „eine deutliche Erhöhung des Einkommens oder der betrieblichen Sozialleistungen" „sehr wichtig" sei, verglichen mit 61 % für „bessere Work-Life-Balance und besseres persönliches Wohlbefinden", 58 % für „die Möglichkeit, das zu tun, was man am besten kann" und 53 % für „mehr Stabilität und Arbeitsplatzsicherheit".
Bei der Umfrage handelte es sich um eine Webumfrage, die Teilnehmer eigenständig ausfüllten. Es gibt eine Reihe von möglichen Einflüssen, die zu Verzerrungen führen können. Wenn die Teilnahme an der Umfrage bezahlt wurde (was aus der Gallup-Methodik nicht hervorgeht), könnte dies zu Verzerrungen geführt haben. Allerdings hat Gallup die Stichproben gewichtet, um die Antwortausfälle zu korrigieren, indem die Stichprobe an die nationalen demografischen Daten zu Geschlecht, Alter, Race, hispanischer Ethnie, Bildung und Region angepasst wurde.
- Wenn man die Menschen fragt, was ihre Lebensqualität am meisten verbessern würde, ist die häufigste Antwort ein höheres Einkommen
Judge, Timothy A., et al. „The relationship between pay and job satisfaction: A meta-analysis of the literature". Journal of Vocational Behavior 77.2 (2010): 157-167.
- Eine Studie aus dem Jahr 2021 ergab, dass das Wohlbefinden durchaus mit dem Einkommen steigt, sogar über 75.000 US-Dollar (60.000 Euro) pro Jahr hinaus. Sie stellte jedoch fest, dass dieser Anstieg ebenso wie die Lebenszufriedenheit in etwa logarithmisch ist – mit steigendem Einkommen nimmt das Wohlbefinden immer langsamer zu. Daher ist der Anstieg des Wohlbefindens oberhalb von 75.000 Dollar pro Jahr sehr gering. Die Studie ergab auch, dass das Wohlbefinden mit steigendem Einkommen langsamer zunahm als die Lebenszufriedenheit. Hier findest du einen kritischen Bericht über die Studie.
- Der durchschnittliche Haushalt in den USA besteht aus 2,5 Personen, aber das ist natürlich nur ein Durchschnittswert aus einer großen Bandbreite von Familienstrukturen. Größere Haushalte profitieren von „Größenvorteilen", weil sie sich Häuser, Autos und so weiter teilen. Deshalb ist es schwierig zu sagen, wie hoch das Haushaltseinkommen einer einzelnen Person ist.
Die folgenden Umrechnungsfaktoren sind üblich:
- Eine einzelne Person hat einen Äquivalenzwert von 1.
- Eine zusätzliche erwachsene Person bringt einen weiteren Äquivalenzwert von 0,5.
- Ein Kleinkind erhöht den Äquivalenzwert um 0,3, ein Teenager kostet noch einmal 0,5.Damit kann ein Paar den gleichen Lebensstil wie eine Einzelperson führen, wenn es ein 50 % höheres Einkommen hat; ein Paar mit einem kleinen Kind erreicht den gleichen Lebensstil wie eine Einzelperson, wenn das Einkommen des Paares 80 % höher ist; ein Paar mit einem Teenager benötigt ein doppelt so hohes Einkommen.
Das sind zwar nur Näherungswerte, aber sie sind plausibel und werden von internationalen Organisationen verwendet. Sie werden hier vom britischen Institute for Fiscal Studies beschrieben. (Die IFS-Tabelle gibt die Umrechnungskurse von einem kinderlosen Paar zu einem Haushalt an. Wir haben die oben genannten Zahlen erhalten, indem wir sie durch 0,67 – den Umrechnungskurs für eine Einzelperson – dividiert haben).
Der Einfachheit halber gehen wir davon aus, dass Menschen während ihres Erwachsenenlebens im Durchschnitt in einem Haushalt leben, der aus einem erwachsenen Paar und einem Kind besteht. Das ist nur ein Durchschnittswert – manche Menschen sind alleinstehend, während andere zumindest für einen Teil ihres Lebens mehrere Kinder großziehen.
Legt man diesen Näherungswert zugrunde, bedeutet das, dass eine alleinstehende Person im Durchschnitt ihres Erwachsenenlebens etwa 1/1,9 = 53 % so viel benötigt wie ein typischer Haushalt, um den gleichen Lebensstandard zu erreichen.
In diesem Fall entsprechen 53 % von 50.000-75.000 US-Dollar für einen Haushalt 27.000-40.000 Dollar (22.000-32.000 Euro) für eine Einzelperson.
- Durschnittlicher Lebensverdienst deutscher Hoschulabsolvent:innen:
Quelle: FAZ. (8. Februar, 2014). Höhe der durchschnittlichen Lebensverdienste in Deutschland nach Bildungsabschluss (in 1.000 Euro) [Graph]. In Statista. Zugriff am 16. August 2023, von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/288922/umfrage/durchschnittliche-lebensverdienste-in-deutschland-nach-bildungsabschluss/Rechnung:
- 2.320.000 € Lebensverdienst nach Hochschulabschluss.
- ~ 40 Berufsjahre - Basierend auf Umfragen unter mehr als 2,7 Millionen Amerikanern auf payscale.com (abgerufen am 12. Februar 2016):
http://www.payscale.com/data-packages/most-and-least-meaningful-jobs/least-meaningful-jobs
http://www.payscale.com/data-packages/most-and-least-meaningful-jobs/most-meaningful-jobs
http://www.payscale.com/data-packages/most-and-least-meaningful-jobs/methodology - Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2018 ergab, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen altruistischem Handeln und dem eigenen Wohlbefinden gibt. In die Untersuchung wurden 27 experimentelle Studien mit einer Gesamtstichprobengröße von 4.045 Personen einbezogen.
Diese 27 Studien, von denen einige mehrere Kontrollbedingungen und abhängige Messgrößen enthielten, ergaben 52 Effektgrößen. Unsere mehrstufige Modellierung ergab, dass der Gesamteffekt von guten Taten auf das Wohlbefinden der Akteure gering bis mittelstark ist (δ = 0,28). Der Effekt wurde nicht durch das Geschlecht, das Alter, die Art der Teilnehmenden, die Intervention, die Kontrollbedingung oder die Ergebnismessung gemindert. Es gab keine Anzeichen für einen Publikationsbias.
- Die Aussage basiert auf der folgenden Untersuchung: Aknin, Lara, Christopher P. Barrington-Leigh, Elizabeth W. Dunn, John F. Helliwell, Robert Biswas-Diener, Imelda Kemeza, Paul Nyende, Claire Ashton-James, Michael I. Norton (2010). „Prosocial Spending and Well-Being: Cross-Cultural Evidence for a Psychological Universal." Harvard Business School Working Paper 11-038.
Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass ein Teil des Zusammenhangs darauf zurückzuführen ist, dass glücklichere Menschen mehr spenden. Siehe: Boenigk, S. & Mayr, M.L. J Happiness Stud (2016) 17: 1825. doi:10.1007/s10902-015-9672-2.
Für eine umfassendere Betrachtung der Frage siehe Giving without sacrifice, von Andreas Mogensen, Giving What We Can Research (Archivlink, abgerufen am 6. April 2017).
- Du kannst mit der Zeit genauer herausfinden, was dir Spaß macht, wenn du dein Glücksgefühl am Ende eines jeden Tages bewertest. So bist du nicht auf unzuverlässige Erinnerungen angewiesen.
