Kapitel 3 – Drei Möglichkeiten wie jede Person etwas bewirken kann, unabhängig von ihrem Beruf
- Von 174 medizinisch behandelten Personen mit Verletzungen unterschiedlichen Schweregrades sprangen 94 % zum ersten Mal für wohltätige Zwecke mit dem Fallschirm. Die Verletzungsrate lag bei 11 %, die durchschnittlichen Kosten betrugen 3.751 Pfund pro Person. 63 % der Verletzten mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden, was einer Schwerverletztenquote von 7 % und durchschnittlichen Kosten von 5.781 Pfund entspricht. Der Betrag, der pro Person für wohltätige Zwecke gesammelt wurde, betrug 30 Pfund. Jedes Pfund, das für wohltätige Zwecke gespendet wurde, kostete den NHS 13,75 Pfund.
Quelle: „Parachuting for charity: is it worth the money? A 5-year audit of parachute injuries in Tayside and the cost to the NHS". CT Lee, P. Williams und WA Hadden. (1999). Archivierter Link, abgerufen im September 2023.
Fallschirmspringer:innen haben uns erzählt, dass sich die Sicherheit seit den 1990er Jahren deutlich verbessert hat, sodass die Idee heute möglicherweise nicht mehr so schlecht ist. Trotzdem ist es immer noch ein Beispiel für ineffektive Wohltätigkeit von über 1.000 Menschen – und wir denken, dass Fallschirmspringen auch heute nicht die effektivste Methode ist, die Welt zum Besseren zu verändern. - Diese Grafik zeigt nur die Korrelation, nicht die Kausalität (mehr Details zum Thema Kausalität).
- GiveDirectly erhebt nicht systematisch Daten über das absolute Armutsniveau (d. h. das durchschnittliche Vermögen und den Konsum) der Haushalte, die am Programm teilnehmen. Vorläufige Ergebnisse der allgemeinen Ausgleichsstudie von GiveDirectly deuten darauf hin, dass die Haushalte im Zielgebiet dieser Studie (in Kenia) sehr arm sind. Die Endergebnisse der Studie vom Juli 2018 zeigen, dass der durchschnittliche Konsum pro Kopf und Tag in der Gesamtbevölkerung der Kontrolldörfer bei 0,79 US-Dollar lag.
Die Haushalte der Kontrollgruppe in Haushofer und Shapiro (2013) konsumierten monatlich im Durchschnitt 157,40 US-Dollar (Kaufkraftparität) (Tabelle 1, S. 49) an Verbrauchsgütern. In unserem Kosten-Wirksamkeits-Modell (2018) verwenden wir diese Zahl, um den jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch ungefähr auf 286 US-Dollar (nominal) zu schätzen. Dies entspricht einem täglichen Verbrauch von etwa 0,78 US-Dollar (nominal).
Quelle: GiveDirectly – Version vom November 2020, Archivlink abgerufen am 12.09.2023.
Um 286 US-Dollar pro Tag in einen Wert mit Kaufkraftparität umzurechnen, nutzen wir die Aufzeichnungen der Weltbank über den nominalen KES-USD-Wechselkurs von 2018; der Wert entspricht 29.073,10 Kenianischen Schillingen.
Anschließend verwenden wir die KKP-Umrechnungsfaktoren der Weltbank für das Jahr 2018, wonach man mit 42,55 kenianischen Schillingen den Gegenwert von 1 US-Dollar in den USA kaufen kann. Daraus ergibt sich ein effektives Konsumniveau von 683,27 US-Dollar in diesem Jahr.
Diese Zahl wird dann anhand des US-Verbraucherpreisindex von 2018 bis Januar 2023 inflationsbereinigt und ergibt einen Wert von 810 bis 825 US-Dollar, je nachdem, welche Monate wir verwenden. Dann nutzen wir wieder die Kaufkraft-Umrechnungsfaktoren der Weltbank, diesmal für Deutschland; die Summe entspricht ca. 590 bis 620 Euro. Das sind umgerechnet 1,65 Euro pro Tag, bereinigt um die Kaufkraft.
Diese Zahl ist natürlich ziemlich ungenau. Es ist schwierig, die Kaufkraft von Menschen zu vergleichen, die in verschiedenen Ländern und unter verschiedenen Umständen leben. Einige der Probleme besprechen wir hier. Es gibt Gründe, warum der Wert sowohl zu niedrig als auch zu hoch sein könnte. Aber es würde uns überraschen, wenn er um mehr als das Fünffache daneben liegen würde. Außerdem stimmen alle offiziellen Schätzungen über das Einkommen der ärmsten Milliarde Menschen darin überein, dass sie etwa 10-mal ärmer sind als fast alle Menschen in einem reichen Land und etwa 100-mal ärmer als jemand, der in einem reichen Land zur gehobenen Mittelschicht gehört. - Durschnittlicher Lebensverdienst deutscher Hoschulabsolvent:innen:
Quelle: FAZ. (8. Februar, 2014). Höhe der durchschnittlichen Lebensverdienste in Deutschland nach Bildungsabschluss (in 1.000 Euro) [Graph]. In Statista. Zugriff am 16. August 2023, von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/288922/umfrage/durchschnittliche-lebensverdienste-in-deutschland-nach-bildungsabschluss/
Rechnung:
- 2.320.000 € Lebensverdienst nach Hochschulabschluss.
- Ca. 40 Berufsjahre
-> 2.320.000 / 40 = 58.000 €
Laut Handelsblatt hat eine ledige Person ohne Kinder bei einem Bruttojahreseinkommen von 58.000 Euro ein Nettoeinkommen von ca. 36.000 Euro. - Wenn die Beziehung zwischen Einkommen und Wohlbefinden logarithmisch ist, dann erhöht die Verdopplung des Einkommens einer Person ihr Wohlbefinden um einen konstanten Betrag. Das heißt, wenn jemand ein Einkommen von 36.000 Euro hat und eine andere Person ein Einkommen von 600 Euro, müsste man das Einkommen der ersten Person um 36.000 Euro erhöhen, um ihr Wohlbefinden genauso stark zu steigern, wie beim Erhöhen des Einkommens der zweiten Person um 600 Euro. 36.000 Euro/600 Euro = 60. Warum wir glauben, dass die Beziehung logarithmisch ist (oder vielleicht sogar noch schwächer), erklären wir in unserer Übersicht der Erkenntnisse über Einkommen und Glück.
Darüber hinaus gibt es auch empirische Belege für einen signifikanten Nutzen. GiveDirectly hat randomisierte kontrollierte wissenschaftliche Studien zu seinen Programmen durchführen lassen, und es gibt eine umfangreiche Literatur, die den Nutzen von Geldtransfers belegt – siehe hier und hier. - Hier sind 40.000 Euro pro Person gemeint, nicht pro Haushalt.
- Es geht um die folgende Studie: Aknin, Lara, Christopher P. Barrington-Leigh, Elizabeth W. Dunn, John F. Helliwell, Robert Biswas-Diener, Imelda Kemeza, Paul Nyende, Claire Ashton-James, Michael I. Norton (2010). “Prosocial Spending and Well-Being: Cross-Cultural Evidence for a Psychological Universal." Harvard Business School Working Paper 11-038.
Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass ein Teil der Korrelation darauf zurückzuführen ist, dass glücklichere Menschen mehr spenden, siehe Boenigk, S. & Mayr, M.L. J Happiness Stud (2016) 17: 1825. doi:10.1007/s10902-015-9672-2.
Eine umfassendere Besprechung des Themas findest du bei Giving What We Can: Giving without sacrifice, von Andreas Mogensen, Giving What We Can Research, Archivlink (abgerufen am 18.09.2023).
Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2018 ergab, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen guten Taten und Wohlbefinden gibt. Es wurden 27 experimentelle Studien mit einer Gesamtstichprobengröße von 4.045 Personen in die Auswertung einbezogen.
Diese 27 Studien, von denen einige mehrere Kontrollbedingungen und abhängige Messgrößen enthielten, ergaben 52 Effektgrößen. Die mehrstufige Modellierung zeigte, dass der Gesamteffekt von Hilfsbereitschaft auf das Wohlbefinden der Akteure gering bis mittel ist (δ = 0,28). Der Effekt wurde nicht durch das Geschlecht, das Alter, die Art der Teilnehmenden, die Intervention, die Kontrollbedingung oder die Ergebnismessung modifiziert. Es gab keine Anzeichen für einen Publikationsbias. - Open Philanthropy, der größte Geldgeber von 80.000 Hours (wo dieser Ratgeber ursprünglich veröffentlicht wurde), wurde aus GiveWell ausgegliedert, und die beiden Organisationen haben zum Teil die gleichen Führungskräfte. Mehr Informationen dazu gibt es hier.
- Die von GiveWell geschätzten Kosten für die Rettung eines Lebens durch die besten Wohltätigkeitsorganisationen schwanken im Laufe der Zeit zwischen 900 und 9.000 Euro und liegen in der Regel zwischen 2.500 und 5.000 Euro.
Die neuesten Schätzungen der Kosten für die Rettung eines Lebens (Stand: Januar 2023) findest du auf der Seite von GiveWell. Dort kannst du auch die aktuellen Kosten-Nutzen-Modelle im Detail einsehen.
GiveWell hat auch ermittelt, wie kosteneffizient diese Wohltätigkeitsorganisationen im Vergleich zu GiveDirectly sind. Dabei wurde ein breiteres Spektrum an Effekten berücksichtigt (z.B. auch die Verbesserung von Bildung und Einkommen), und in der Regel wird geschätzt, dass sie etwa zehnmal effektiver sind.
10 % von 58.000 Euro sind 5.800 Euro, was ausreicht, um mindestens einen Tod pro Jahr zu verhindern.
Natürlich gibt es noch viel mehr darüber zu sagen, wie wertvoll diese Spenden sind, wenn wir versuchen, alle möglichen Auswirkungen zu berücksichtigen. Im Allgemeinen möchten wir dir empfehlen, zu überlegen, welche globalen Probleme du alles in allem für am dringlichsten hältst (unser Ansatz ist zum Beispiel longtermistisch), und die besten Organisationen zu finden, die sich für diese Probleme einsetzen. Lies mehr darüber, wie du eine Wohltätigkeitsorganisation auswählen kannst. - Die reichsten 10 % der Weltbevölkerung verdienen zurzeit 52 % des weltweiten Einkommens (kaufkraftbereinigt; Quelle: Chancel, L., Picketty, T., Saez, E., Zucman, G., et al. „World Inequality Report 2022", World Inequality Lab).
Wenn die reichsten 10 % also 10 % ihres Einkommens spenden, dann sind das 5 % des Welteinkommens. Das Welteinkommen betrug im Jahr 2022 etwa 100 Billionen Dollar, was etwa 94 Billionen Euro entspricht. Es würden also ungefähr 4,7 Billionen Euro gespendet. Quelle: Weltbank, abgerufen am 18.09.2023. - Die Armutsgrenze der Weltbank liegt bei 2,15 US-Dollar pro Person und Tag (2017-Dollar, KKP-bereinigt). Die Armutslücke bei 2,15 Dollar pro Tag betrug laut der Weltbank im Jahr 2019 2,6 %. Das heißt, dass Menschen unterhalb der Armutsgrenze im Durchschnitt von 2,10 US-Dollar pro Tag leben. Die Armutsquote – also der Anteil der Weltbevölkerung, der unterhalb dieser Schwelle lebt – betrug laut Weltbank im Jahr 2019 8,4 %. Die Weltbevölkerung belief sich laut der Weltbank im Jahr 2019 auf 7,74 Milliarden Menschen, was bedeutet, dass 650 Millionen Menschen im Jahr 2019 in extremer Armut lebten.
Damit würde es nur ca. 33 Millionen Euro pro Tag kosten, alle Menschen in extremer Armut an die Armutsgrenze zu bringen, oder 12 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist wahrscheinlich eine Unterschätzung, denn der Transfer all dieses Geldes zu den in Armut lebenden Menschen würde die Preise erhöhen, erhebliche logistische Kosten verursachen usw. Nehmen wir an, die tatsächlichen Kosten lägen um den Faktor 10 höher, dann wären es etwa 120 Milliarden Euro pro Jahr.
Der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am BIP lag im Jahr 2020 bei 2,6 %.
Quelle: Weltbank, Daten für 2020, abgerufen im März 2023.
Wenn man davon ausgeht, dass dieser Anteil in etwa konstant geblieben ist, würde es bei einem weltweiten BIP von etwa 94 Billionen Euro jährlich (siehe Fußnote 10) etwa 2,4 Billionen Euro pro Jahr kosten, die weltweiten Investitionen in Forschung und Entwicklung zu verdoppeln.
Weltweit gehen laut UNESCO schätzungsweise 244 Millionen Kinder und Jugendliche nicht zur Schule. Wenn wir davon ausgehen, dass es 1.000 Euro pro Jahr kosten würde, ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen (in Deutschland kostet es ca. 8.500 Euro), wären das 244 Milliarden Euro pro Jahr.
Im Jahr 2012 wurden in den USA insgesamt 12 Mrd. Euro für die Künste gespendet. Mit dem zehnfachen Betrag, also 120 Mrd. Euro, sollten wir also eine Renaissance der Künste erreichen.
Laut Wikipedia werden die Kosten für eine Reise zum Mars auf 500 Milliarden Dollar (ca. 470 Milliarden Euro) geschätzt. Diese Zahl ist wahrscheinlich zu niedrig angesetzt, aber wir müssten auch nicht alles in einem Jahr bezahlen, also verwenden wir diese Zahl.
Wenn wir das alles mit einer Billion Euro für den Klimaschutz zusammenrechnen, kommen wir auf ca. 4,2 Billionen Euro pro Jahr, wir hätten also immer noch fast 500 Milliarden Euro zur Verfügung. Obwohl all diese Zahlen sehr ungenau sind (und Budgets oft gesprengt werden), besteht kein Zweifel daran, dass es eine enorme Menge an Ressourcen für die dringendsten Probleme der Welt wäre.
Wenn so viele Mittel auf einmal für wohltätige Zwecke zur Verfügung gestellt würden, bräuchte die Wirtschaft Zeit, um sich darauf einzustellen, korrupte Staatsoberhäupter könnten versuchen, das Geld von ihren Bürger:innen abzuschöpfen, und es könnte andere unvorhersehbare Auswirkungen geben – es wäre sicherlich nicht einfach, alle Ressourcen effektiv zu nutzen. Diese Zahlen zeigen aber dennoch, dass mehr (und effektivere!) wohltätige Spenden potenziell enorme Vorteile mit sich bringen können. - Eine ausführliche Erörterung der Ursprünge und der Genauigkeit dieser Grafik findest du in unserem Blogbeitrag „Wie genau kennt man die globale Einkommensverteilung?" Zusammengefasst: Die Daten für die Perzentile 1 bis 79 stammen aus PovcalNet, einem Online-Tool zur Armutsmessung, das von der Development Research Group der Weltbank entwickelt wurde. Beachte, dass es sich hierbei um ein Konsummaß handelt, das sich eng an das Einkommen anlehnt; es ist die Standardmethode, um den Wohlstand von Menschen am unteren Ende der Verteilung zu ermitteln. Die Daten für die Einkommensperzentile 80 bis 99 wurden von Branko Milanović im Rahmen persönlicher Korrespondenz zur Verfügung gestellt.
- Wie 80.000 Hours ist auch Giving What We Can ein Projekt der Effective Ventures-Gruppe, die sich aus der Effective Ventures Foundation und der Effective Ventures Foundation USA, Inc. zusammensetzt – zwei rechtlich eigenständigen Organisationen, die allerdings gemeinsam arbeiten.
- Nach Angaben der Weltbank betrug das BIP der USA im Jahr 2021 etwa 23,3 Billionen US-Dollar. 0,2 % davon sind 47 Milliarden US-Dollar (Daten abgerufen im März 2023). Bei einer Amtszeit von vier Jahren sind das 187 Milliarden Dollar.
- Ob dies tatsächlich mehr Gutes bewirkt, hängt von den kontrafaktischen Gegebenheiten ab: was genau die andere Person sonst getan hätte, was du sonst tun würdest und was mit all den anderen Menschen passieren würde, deren Karrieren davon betroffen wären (z.B. die Person, die du in dem Job ersetzt). In unserer weiterführenden Artikelreihe erfährst du mehr darüber, wie kontrafaktische Betrachtungen unseren Blick darauf verändern, wie man Gutes bewirkt.
